Fondsmanager im Gespräch
„Wir suchen nach Schnäppchen in der Türkei“

Dmitri Barinov ist Fondsmanager für Schwellenländer-Anleihen bei Union Investment und hat schon einige Emerging-Market-Krisen erlebt. So nimmt er auch die Unruhen in Ankara gelassen – und sieht Chancen für Anleger.

Herr Barinov, die Ratingagentur S&P stuft die Türkei nach dem gescheiterten Putschversuch des Militärs und den harten Reaktionen von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan jetzt als Hochrisiko-Land ein. Was bedeutet das für Sie als Investor?
Nicht allzu viel. S&P misst der politischen Lage eine größere Bedeutung zu als die anderen Ratingagenturen. S&P bewertet die Bonität der Türkei deshalb auch schon länger im Non-Investment-Grade für schwache Schuldner und hat das Rating zuletzt noch einmal gesenkt. Überraschend kam das für uns nicht.

Die Kurse türkischer Anleihen und die Lira fielen aber nach der S&P-Aktion.
Genau das haben wir genutzt und zunächst türkische Euro- und Dollar-Anleihen zu den günstigeren Kursen nachgekauft. Inzwischen haben sich die Märkte wieder etwas erholt, aber wir sind weiter auf der Suche nach Schnäppchen.

Es besteht aber die Gefahr, dass die Ratingagentur Moody’s nachzieht und die Bonität der Türkei ebenfalls auf Non-Investment-Grade herabstuft.
Das stimmt und deshalb haben wir den Türkei-Anteil in den Fonds, die nur in Investment-Grade-Anleihen investieren dürfen, auch reduziert. Bei flexibleren Fonds kaufen wir aber eher zu.

Hat S&P denn nicht Recht mit der Einschätzung?
Ich denke, S&P hätte zunächst noch das Ende des dreimonatigen Ausnahmezustands in der Türkei abwarten können.

Die Ansicht von S&P, dass politische und rechtliche Institutionen in der Türkei geschwächt werden, stimmt also ihrer Ansicht nach nicht?
Ich als Investor habe da einen anderen Blickwinkel: Sicherlich ist die Unsicherheit gestiegen, aber ich achte mehr auf die Makro-Daten. Und rein von den wirtschaftlichen Daten steht die Türkei besser da als viele andere Länder mit ähnlichen Ratings. Die Türkei ist zum Beispiel nur mit 33 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verschuldet und die Anschlussfinanzierungen funktionieren bislang problemlos. Investoren im Niedrigzinsumfeld sind weiter auf der Suche nach höheren Renditen, wie sie zum Beispiel die Türkei bietet. Die zehnjährige Lira-Anleihe rentiert aktuell mit 9,5 Prozent, die zehnjährige Dollar-Anleihe der Türkei mit 4,5 Prozent.

Erdogan hat S&P vorgeworfen, dass die Rating-Herabstufung politisch motiviert sei. Stimmen Sie dem zu?
Nein. Die politischen Faktoren fließen zwar in das Rating ein, ebenso wie die Beurteilung des Rechtsrahmens. Aber das ist keine wertende Aussagen gegen das politische Regime, sondern eine Analyse mit Blick auf die Auswirkungen für die Bonität.

Sie klingen mit ihren Einschätzungen zur Türkei sehr optimistisch.
Mit dem Blick nur auf die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei sehe ich zumindest keinen Grund zur Panik. Selbst wenn die Türkei auch von anderen Ratingagenturen auf Non-Investment-Grade herabgestuft werden sollte, ist das nicht dramatisch. Das gab es schon öfter, und die entsprechenden Länder haben sich dennoch wieder berappelt. Ein gutes Beispiel dafür ist Ungarn. Ende 2011 stuften S&P und Moody’s die Bonität Ungarns auf Non-Investmentgrade. Heute liegt die Rendite zehnjähriger ungarischer lokaler Staatsanleihen mit 2,8 Prozent so niedrig wie noch nie.

Herr Barinov, vielen Dank für das Interview.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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