Gianni Hirschmüller
„Noch ist die Trendwende nicht da“

Gianni Hirschmüller ist Gesellschafter beim Analyse-Haus Cognitrend. Im Interview spricht er über die schwierige Voraussagen der Anleihemärkte und die Zukunft des Rentenmarkts.

Handelsblatt: Volkswirte liegen seit Jahren falsch mit ihren Prognosen für die Anleihemärkte. Was macht die Voraussagen so schwierig?

Gianni Hirschmüller: Marktteilnehmer versuchen oft, vermeintliche Trendwenden vorwegzunehmen. Und müssen so dann vielfach der tatsächlichen Entwicklung hinterherlaufen. Im Umfeld steigender Anleihekurse beziehungsweise fallender Renditen haben viele Investoren versucht, die Wende zu antizipieren und waren in langen Laufzeiten unterinvestiert. Ihnen blieb schließlich nichts anderes übrig, als bei hohen Kursen zu kaufen, weil ihre Wetten auf steigende Renditen einfach nicht aufgingen.

Und weil jetzt alle Anleger akzeptiert haben, dass wir ein Umfeld niedriger Renditen haben, gibt es nun die Trendwende zu steigenden Renditen?

Nein, so sehe ich das nicht. Noch ist die Trendwende nicht da. Es ist lediglich eine gewöhnliche Korrektur, wie wir sie in den vergangenen Jahren ja schon oft gesehen haben. Denn in vielen Köpfen steckt nach wie vor die Annahme, dass die Renditen steigen; der Trend zu fallenden Renditen ist eben noch nicht ganz akzeptiert. Investoren sehen jetzt endlich den Renditeanstieg, auf den sie schon so lange vergeblich gewartet haben.

Von einem Ausverkauf am Rentenmarkt würden Sie also nicht sprechen?

Dafür fehlt die Dynamik. Wir sehen eine kontrollierte sukzessive Aufwärtsbewegung der Renditen – und keine Panik und keine Verkäufe, die durch Stopp-Loss-Orders ausgelöst wurden.

Und was hat Ihrer Meinung nach den Renditeanstieg ausgelöst?

Das ist schwer zu sagen. Die Situation hat sich nicht grundlegend geändert. Tatsache ist aber, dass sich die Anleger seit Mitte Januar darauf einstellen, dass überall die Zinskeule geschwungen wird, die Notenbanken also die Leitzinsen noch weiter anheben werden.

Und wie weit kann die Korrektur Ihrer Meinung nach noch gehen?

Wir erwarten, dass der Terminkontrakt Bund-Future noch bis zu zwei Prozentpunkte auf 115,50 Prozent verliert und die zehnjährige Bund-Rendite entsprechend auf etwa 3,95 Prozent steigt. Aber auf diesem Niveau sollte es wieder Käufer geben. Erst wenn das nicht passiert, muss man die Lage am Rentenmarkt grundlegend neu bewerten.

Die Fragen stellte Andrea Cünnen.

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