Goldman-Stratege im Interview
„Bei Italiens Anleihen versagt der Markt“

Italien ist zu Unrecht in Misskredit geraten ist, meint Franceso Garzarelli, Co-Leiter des globalen Makro- und Markt-Research Teams bei Goldman Sachs. Warum das so ist und warum Italiens Anleiherenditen bald sinken.
  • 9

Handelsblatt: Die Ratingagentur S&P hat die Bonität von neun der 17 Euro-Länder herabgestuft. Zu Recht?

Francesco Garzarelli: Hauptgrund für die Herabstufung ist die Ansicht von S&P, dass die Politik nicht genügend Maßnahmen ergriffen hat, um die Probleme der Schuldenkrise wirksam anzupacken und dass die bislang errichteten Brandschutzmauern – Hilfen der Europäischen Zentralbank (EZB) und des Euro-Rettungsfonds (EFSF) – nicht ausreichen. Das dem so ist, kann man kaum verleugnen.

Besonders Italien ist an den Märkten aber schon lange vor der S&P-Aktion in Ungnade gefallen, und Investoren verlangen für Italiens Anleihen hohe Renditen. Warum?

Italien ist ein gutes Beispiel für die anhaltenden Fehlfunktionen am europäischen Anleihemarkt. Die Gespräche über die freiwillige Beteiligung der privaten Gläubiger an der Umschuldung Griechenlands (PSI), die im Juni 2011 begannen, machten einen Zahlungsausfall in Europa möglich. Daraufhin verdreifachten sich die Renditeaufschläge italienischer zu deutschen Staatsanleihen, obwohl sie sich bereits stark ausgeweitet hatten. Das lässt sich unmöglich mit Veränderungen der volkswirtschaftlichen Fundamentaldaten in Einklang bringen.

Über 120 Prozent Staatsverschuldung vom Bruttoinlandsprodukt beunruhigen Sie nicht?

Nicht wirklich, schließlich konnte Italien zuvor schon lange mit einem hohen Haushaltsdefizit leben. Ironischerweise liegt die Differenz zwischen Italiens und Deutschlands Verschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt aktuell auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten. Italien zeichnete sich in der Krise auch durch eine umsichtige Fiskalpolitik aus. Das Land ist die drittgrößte Volkswirtschaft im Euro-Raum mit einer diversifizierten Industrie und es ist ein wichtiger Handelspartner für Deutschland.

Die Regierung unter Silvio Berlusconi hat also keine Fehler gemacht?

Doch. Sie hat zu spät erkannt hat, dass sich der Fokus der Investoren davon weg verlagert hat, wie Länder ihre Defizite drosseln, und inzwischen stärker darauf liegt, wie sie aus ihren bestehenden Verbindlichkeiten herauswachsen können. Bis vor kurzem wurden zudem alle Bemühungen, Wachstum zu befördern, nur halbherzig angegangen und die Regierung ist nicht geschlossen aufgetreten. Das hat das Misstrauen der Investoren verstärkt. Dazu kommt, dass Italiens Wachstumshistorie eher trübe ist, und das PSI schien darauf hinzudeuten, dass eine Restrukturierung alter Schulden in der Euro-Zone toleriert würde. Investoren dachten: Wenn Griechenland das machen kann, warum sollten es andere Länder nicht auch können? Und das führte schließlich zu Panik.

Sehen Sie Fortschritte unter der neuen Regierung?
Ja. Die neue Regierung unter Mario Monti geht die Reformen energischer an. Sie hat die Rentenreform beschleunigt, Immobilieneigentum und Anlagevermögen besteuert und versucht nun, grundlegende Reformen für stärkeres Wachstum durchzubringen, und zwar durch die Stärkung des Wettbewerbs in verschiedenen Märkten. Zugegebenermaßen ist das eine delikate Phase für das Land. Die Regierung wird auch die politisch schwierige Aufgabe angehen, die Größe des Staatssektors fortschreitend zu reduzieren.

Seite 1:

„Bei Italiens Anleihen versagt der Markt“

Seite 2:

Ein Finanz-Warenhaus für Anleihen

Kommentare zu " Goldman-Stratege im Interview: „Bei Italiens Anleihen versagt der Markt“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Zitat "Ironischerweise liegt die Differenz zwischen Italiens und Deutschlands Verschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt aktuell auf dem niedrigsten Stand seit Jahrzehnten."
    Mag ja sein, liegt es aber daran dass Deutschland schlechter geworden ist oder daran dass Italien besser geworden ist.
    Das sagt er nicht, sollte es daran liegen dass Deutschland schlechter geworden ist, was ich auch denke, dann gibt es kein Grund zum Jubeln!
    Deswegen ist das Problem für Italien nicht kleiner geworden nur weil Deutschland sich verschlechtert hat.

  • Alles geht vor die Hunde, aber wir werden prächtig verdienen! Dankeschön, für die Blindheit der Wähler und den vorauseilenden Gehorsam unserer politischen Marionetten.

  • Italien mit Griechenland zu vergleichen zeugt von Unkenntnis. Inländerverschuldung und industrieller Kern, beides in GRE so nicht vorhanden

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%