Griechenland
Wie schlimm ist es wirklich?

Gibt es Hoffnung? Die Renditen für griechische Staatsanleihen sinken, die Investoren glauben den Versprechen der Politiker, Athen nicht im Stich zu lassen. Doch hinter den Kulissen rechnen die Banken den Ausstieg durch.
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Athen, Berlin, Düsseldorf, LondonDer Markt hat ein feines Gespür für die Realität, heißt es. Und er habe immer Recht – fast immer. Im Falle Griechenlands sind die Signale, die die Investoren derzeit aussenden, relativ eindeutig: Es tut sich was, es wird besser am Mittelmeer. Ein bisschen zumindest. So sind die Renditen für griechische Staatsanleihen zuletzt deutlich gefallen, die Kurse gestiegen.

Auf den ersten Blick sieht also alles nach Entspannung aus: Für zehnjährige Papiere etwa sank die Rendite zum Wochenbeginn auf 17,2 Prozent und damit auf den niedrigsten Wert seit mehr als einem Jahr. Vor wenigen Wochen lag die Rendite noch bei deutlich über 30 Prozent. Auch die Renditen für kurzlaufende Papiere sind zuletzt gefallen.

Ganz ähnlich sieht es in den anderen Krisenstaaten aus: Die Rendite für zehnjährige spanische Papiere sank zuletzt um 22 Basispunkte auf 5,54 Prozent. Der Risikoaufschlag zwischen spanischen Staatsanleihen und deutschen zehnjährigen Bundesanleihen fällt damit unter 400 Basispunkte. Italienische Anleihen mit Laufzeit 2022 rentieren elf Basispunkte niedriger bei 4,80 Prozent. Die Rendite von zweijährigen italienischen Bonds fällt erstmals seit dem 16. März unter die Marke von zwei Prozent.

Am Markt herrscht Erleichterung, nachdem die Ratingagentur Moody's Spaniens Investmentgrade-Rating bestätigt hatte. Zudem hatte Deutschland signalisiert, eine vorläufige Kreditlinie für Spanien zu befürworten.

Aber nicht nur deshalb: Am Sonntag hatte Wolfgang Schäuble, der deutsche Finanzminister, auf einem Forum in Singapur einen Staatsbankrott der klammen Griechen kategorisch ausgeschlossen. Das Land müsse zwar noch eine ganze Reihe bedeutender Reformen umsetzen, sagte er. Ein immer größerer Teil der Bevölkerung verstehe allerdings, dass die Mitgliedschaft in der europäischen Währungsgemeinschaft im Interesse Griechenlands sei.

Den Investoren reicht dieses Versprechen offenbar aus, zumal der Politiker Schäuble nicht gerade als Dampfplauderer bekannt ist. Außerdem gibt es ja noch Mario Draghi, den Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) und damit obersten Financier der Euro-Staatshaushalte. Der hatte im Sommer auch etwas versprochen, nämlich den Euro zu retten. Die Investoren könnten ihm glauben, sagte der Notenbanker, die Mittel der EZB reichten zu diesem Zwecke aus. Indirekt konnte man die Aussagen Draghis auch als Garantie für die Griechen verstehen. Denn sollte Athen im Währungsverbund verbleiben, steigen auch die Chancen, dass die gesamte Euro-Zone überlebt. So zumindest die Theorie.

Es droht ein „Flächenbrand“

Doch was passiert, wenn Griechenland tatsächlich zur Drachme zurückkehrt, wollen sich die Politiker lieber gar nicht vorstellen. Eine aktuelle Studie von Prognos im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung kommt jedenfalls zu alarmierenden Ergebnissen: Zwar wäre ein Staatsbankrott des Mittelmeerlandes und sein Euro-Austritt isoliert betrachtet „für die Weltwirtschaft ökonomisch verkraftbar“, schreiben die Autoren. Es sei „jedoch nicht auszuschließen, dass die Kapitalmärkte dann auch Portugal, Spanien und Italien das Vertrauen entziehen und es dort ebenfalls zu Staatsbankrotten kommt. Die Weltwirtschaft würde dadurch in eine tiefe Rezession fallen.“

Nach Berechnungen von Prognos würden die 42 wichtigsten Volkswirtschaften der Welt im schlimmsten Fall bis zum Jahr 2020 Wachstumseinbußen in Höhe von insgesamt 17,2 Billionen Euro erleiden. „Die internationale Staatengemeinschaft sollte daher einen Staatsbankrott und Euroaustritt Griechenlands verhindern, um die damit verbundenen möglichen Dominoeffekte zu vermeiden“, schreiben die Autoren.

Deutschland müsste demnach allein bei einem Austritt Griechenlands aus dem Währungsraum bis 2020 mit 73 Milliarden Euro Einbußen bei der Wirtschaftsleistung rechnen. Dazu kämen 64 Milliarden Euro Einmalkosten für den „Grexit“ durch Abschreibungen auf Forderungen privater und öffentlicher Gläubiger. Noch schlimmer träfe es die Griechen selbst: Den Berechnungen zufolge müsste sich das Land im Falle einer Wiedereinführung der Drachme auf 164 Milliarden Euro Wachstumsverluste bis 2020 einstellen.

Bei den Szenarien wurde unterstellt, dass private wie öffentliche Gläubiger auf 60 Prozent ihrer Forderungen gegenüber Athen verzichten müssten. Zudem wurde angenommen, dass eine neue griechische Währung um 50 Prozent gegenüber dem Euro abgewertet würde.

Den anderen EU-Staaten wird deshalb nichts anderes übrigbleiben, als die Griechen weiter zu alimentieren. Denn selbst wenn die Renditen für Athens Anleihen zuletzt deutlich gefallen sind – 17 Prozent für zehnjährige Papiere sind jenseits von Gut und Böse. Volkswirte gehen davon aus, dass es dauerhaft nicht möglich sei, den Schuldenberg abzutragen, sollte die Rendite bei mehr als sieben Prozent liegen. Demnach ist die Entspannung an den Märkten trügerisch, wenn nicht gar gefährlich.

Banken spielen den „Grexit“ durch

In den Research-Abteilungen der großen Finanzkonzerne wird jedenfalls längst der „Grexit“ durchgespielt, schlimmer noch. Es bestehe nur eine „geringe“ Wahrscheinlichkeit, dass die Eurozone zusammenhalte, sagt Gary Cohn, einer der Vorstände bei Goldman Sachs. Es sei wahrscheinlicher, dass einige Länder aus der Währungsunion austreten, um Wachstumsziele zu verfolgen.

„Im Föderalismus wird ein vereinigtes Europa geschaffen, in dem Länder, denen es wegen der Währung gut geht, diejenigen unterstützen, deren Wirtschaft wegen der Währung schrumpft“, sagte Cohn im Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg in Tokio. „Meiner Meinung nach besteht eine recht geringe Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommen wird.“

Skeptisch ist auch Megan Greene, Direktorin für europäische Volkswirtschaften bei Roubini Global Economics. Auf einer Konferenz in London sagte sie, dass Griechenland schon im ersten Halbjahr 2013 aus der Eurozone austreten könnte.

Die derzeitigen Sparmaßnahmen würden eine „Dekade der Depression“ hervorrufen - daher sollte sich das Land zu einem Zahlungsausfall entscheiden und die Drachme wieder einführen, meint Greene. Ein Austritt der Griechen aus dem Euro passiert „sehr wahrscheinlich“ vor Ende 2013.

Der Markt hat ein feines Gespür für die Realität, heißt es. Und er habe immer Recht – fast immer. Viele Unternehmen sehen jedenfalls im griechischen Markt unter den aktuellen Umständen keine Zukunft mehr - und wandern in Nachbarländer ab. Der Abfüller Coca-Cola Hellenic etwa zieht in die Schweiz, zudem will er von der Athener Börse an den Aktienmarkt in London wechseln. Der große Milchprodukte-Konzern Fage wiederum geht nach Luxemburg. Auch das sind Signale, die Anleger wahrnehmen sollten.


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Christian Panster
Christian Panster
Handelsblatt Online / Ressortleiter Finanzen

Kommentare zu " Griechenland: Wie schlimm ist es wirklich?"

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  • @conforma
    Ergänzung: Pardon - ich hatte vergessen zu erwähnen, dass die Arbeiter auf der griechischen Seite selbstverständlich verbeamtet sind (DEKO).

  • @conforma
    Das mit dem Hafen ist Unsinn. Fakt ist dies hier:
    Der Hafen ist zweigeteilt. Es gibt eine chinesische Seite und eine griechische.
    Während auf der chinesischen Seite rund um die Uhr gearbeitet wird, strecken die griechischen Arbeiter die Füße untern Tisch aus und spielen Tavli. Sie haben nichts zu tun.
    Und warum?
    Weil die Chinesen für 1 Kran 4 Arbeiter brauchen und die Griechen 9.
    Und weil ein griechischer (oder chinesischer) Arbeiter auf der chinesischen Seite 23.000,-€ im Jahr verdient, der Arbeiter auf der griechischen Seite aber 185.000,-€ jährlich.
    Das ist kein Tippfehler.
    Na – wen würden SIE denn nehmen, wenn SIE etwas zu verschiffen hätten???
    „Hungerlöhne…“ dass ich nicht lache.
    Das Verrückte ist, dass die griechischen Arbeiter mit ihren Gewerkschaften sich auch noch im Recht fühlen. Sie behaupten doch tatsächlich, ihre Väter und sie selbst hätten für all das „gekämpft“ und deshalb sei es ihr gutes Recht, diese „Errungenschaften“ zu verteidigen.
    Angesichts der o.a. Zahlen UND der Tatsache, dass sie ein Sponsoring erwarten durch andere europäische Bürger, die im Übrigen sehr viel weniger verdienen als sie, ist es schon mehr als bloße Dummheit und Vermessenheit, sich so zu verhalten.
    Aber was haben sie schon zu verlieren. Ihr Gehalt von früher kommt sowieso nie wieder. Und auf der hohen Kante hat man ja noch genug. Da spielt man doch lieber weiter das Spiel „hilfst Du mir nicht, wähl ich Dich nicht“. Bei mehr als 1 Mio. Beamte ist das ein sehr Erfolg versprechendes Spiel.

  • @Hallowach
    Ok, Sie haben Recht.
    Aber man kann doch nicht aufhören, sich zu wehren, bevor man angefangen hat.

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