Invemestmentidee
Vorsicht bei Firmenanleihen

Die Anleihen von Unternehmen machen Fachleuten Kopfzerbrechen. Auf der einen Seite gelten die Papiere inzwischen als zumindest relativ fair bewertet. Auf der anderen Seite steht aber die Nervosität der Investoren mit Blick auf die Bilanzen der Unternehmen und die weltweite wirtschaftliche Entwicklung. Dabei belasteten zuletzt auch die deutlichen Verluste der Aktienmärkte die Unternehmensanleihen.

FRANKFURT. „Die Risikoaufschläge auf Schuldtitel von Unternehmen mit Investment-Grade-Rating sind jetzt fast so hoch wie im Durchschnitt der letzten beiden Rezessionen. Damit haben sie annähernd ihren fairen Wert erreicht“, sagt Jeff Amato, Leiter des Bereichs Kreditstrategie bei Goldman Sachs in London. Sein Kollege Willem Sels von Dresdner Kleinwort hält die aktuellen Bewertungen für theoretisch attraktiv, aber: „Das heißt nicht, dass man Unternehmensbonds jetzt kaufen sollte, sie dürften nämlich noch attraktiver werden.“ Damit meint Sels, dass die Kurse der Firmenbonds weiter fallen und die Renditen und Risikoabstände (Spreads) zu Staatsanleihen noch mehr steigen werden.

Seit Ende Juni haben sich die Spreads für auf Euro lautende Zinspapiere von Banken, Versicherern und anderen Unternehmen mit vergleichsweise guter Bonität (Investment-Grade) um im Schnitt 80 auf knapp 130 Basispunkte erhöht; Firmenbonds bieten also 1,3 Prozentpunkt mehr Rendite als sichere Staatsanleihen. Die Kurse der Unternehmensanleihen sind zwar seit Beginn des Jahres etwas gestiegen und die Renditen im Gegenzug gesunken; die für institutionelle Investoren wichtigen Renditeabstände erhöhten sich aber, weil sichere Staatsanleihen sehr gefragt sind. Deshalb fielen die Renditen der Staatsanleihen stärker als die der Unternehmensbonds.

Am viel beachteten Markt für Kreditderivate auf Unternehmensanleihen stiegen die Risikoaufschläge gemessen am i-Traxx Europe Index für die 125 größten europäischen Unternehmen mit Investment-Grade-Rating gestern auf ein Allzeithoch von gut 80 Basispunkten. Den Index gibt es seit dem Jahr 2004, er bildet Risikoprämien für Ausfallversicherungen auf Anleihen (Credit Default Swaps) im Vergleich zu den Sätzen an, die Banken zum Tausch fester in variable Zinszahlungen verlangen.

Besonders unter Druck geraten sind seit dem Sommer die Anleihen von Banken, die generell im Zentrum der Finanzkrise stehen. Ihre Risikoaufschläge haben sich verdreifacht, die von Unternehmen außerhalb des Finanzsektors „nur“ verdoppelt. Deshalb raten Strategen auch vor allem zum Kauf von Bankenbonds. Dabei empfehlen sie meist vorrangige Titel, bei denen Investoren unbegrenzten Anspruch auf Zins- und Tilgungszahlungen haben.

„Die Spreads auf vorrangige Schuldtitel von Banken sollten sich in diesem Jahr besser entwickeln als die von Unternehmen abseits der Finanzbranche“, ist Amato von Goldman Sachs überzeugt. Dabei sei das Ausfallrisiko für große und diversifizierte europäische und US-Banken trotz der aktuellen Krise nach wie vor äußerst gering. „Vorrangige Anleihen von Finanzinstituten sind die einzigen, mit denen wir uns wohl fühlen, obwohl auch bei ihnen die Volatilität zunehmen wird“, meint Sels von Dresdner Kleinwort.

BNP Paribas rät ebenfalls zu Bankenanleihen und empfiehlt daneben, die Anleihen von Öl- und Pharmakonzernen sowie von Versorgern moderat überzugewichten. „Von einer sektorübergreifenden Empfehlung für Unternehmensanleihen sind wir aber noch weit entfernt. Sie steht erst an, wenn sich die allgemeine wirtschaftliche Lage wieder aufhellt“, sagt Kreditstratege Mehernosh Engineer von BNP Paribas. Goldman Sachs ist ebenfalls vorsichtig und legt den Fokus auf eher defensive Sektoren wie zum Beispiel Anleihen von Lebensmittel- und Tabakkonzernen. Angesichts der hohen Rohstoffpreise rät Goldman Sachs wie BNP Paribas zudem zur Übergewichtung der Zinstitel von Öl- und Gasproduzenten.

Bonds von Versorgern und Telekomkonzernen stuft Goldman dagegen nur als neutral ein. „Der Versorgungs- und der Telekomsektor weisen zwar ebenfalls defensive Merkmale auf, sind aber schon relativ gut gelaufen“, sagt Amato. Zudem seien gerade von Versorgern in diesem Jahr viele neue Anleihen zu erwarten, um die Fusionen und Übernahmen aus dem vergangenen Jahr zu refinanzieren. Dies könne Druck auf die Kurse ausüben, warnt Amato. Seit dem Sommer müssen Emittenten neue Anleihen mit höheren Spreads im Vergleich zu alten Bonds begeben. Das belastet die ausstehenden Papiere.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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