Jörg Krämer im Interview

„Das war noch nicht der Wendepunkt“

An den Märkten wird das Ergebnis des Euro-Gipfels gefeiert. Doch die Anleger freuen sich zu früh. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, warnt: Der Rettungsschirm könnte nicht für Spanien und Italien reichen.
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Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt

Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

(Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt)

Die Märkte reagieren begeistert auf die Beschlüsse des Euro-Gipfels – Euro und Dax legen deutlich zu. War das jetzt der große Befreiungsschlag?

‪Ich glaube nicht, dass wir bereits heute den Wendepunkt in der Staatsschuldenkrise gesehen haben.

Was ist genau beschlossen worden?

Die wichtigste Entscheidung ist, dass der Hilfsfonds EFSF mit dem Konzept einer Teilversicherung prinzipiell in der Lage ist, Anleihen mit einem Volumen von rund einer Billion Euro zu versichern. Damit könnte er auch den Finanzbedarf der beiden großen Peripherieländer Spanien und Italien bis Ende 2014 decken. Das funktioniert aber nur, wenn die Anleger die teilversicherten Anleihen in großem Stil kaufen. Erst einmal müssen die Finanzminister nun die Details ausarbeiten.

Wenn es Anleihen der Schuldenstaaten demnächst mit Versicherung gibt, dürfte das den Investoren doch gefallen.

Ich bin nicht davon überzeugt, dass die Anleger bereit sind, Anleihen zu kaufen, die nur zu 20 oder 25 Prozent gegen einen Zahlungsausfall versichert sind. Das gilt besonders für Investoren von außerhalb des Euroraums, die die politischen Konflikte innerhalb des Euroraums ohnehin nur schwer verstehen.

Warum?

Viele Investoren könnten an der Glaubwürdigkeit der Teilversicherung zweifeln. Denn wenn die Regierungen den Schuldenschnitt eines Peripherielandes wie im Falls Griechenlands als ‚freiwillig’ darstellen, wäre es denkbar, dass der EFSF als Versicherungsgeber bei künftigen Schuldenschnitten nicht zahlen würde. Die Glaubwürdigkeit der Hilfspolitik leidet ohnehin darunter, dass viele Wähler in den Geberländern diese Politik ablehnen. Die Parteien werden diese Stimmung früher oder später aufgreifen und dann möglicherweise von den Garantien zugunsten der Peripherieländer abrücken.

Und wenn die Anleger nicht kaufen?

Wenn die Anleger sehr skeptisch sind, könnte es mit Blick auf den Finanzbedarf Spaniens und Italiens knapp werden. Dann müsste der Hilfsfonds die Versicherungsquote auf 50 Prozent anheben und könnte nur noch Peripherieanleihen im Volumen von schätzungsweise 500 Milliarden Euro versichern.

Wie sieht es mit Griechenland aus? Ist das Land dadurch gerettet, dass die Gläubiger auf die Hälfte ihrer Forderungen verzichten?

‪Die Staatschefs wollen Griechenlands Schulden um einen Betrag senken, der 50 Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts entspricht. Selbst wenn das gelänge, würde das Verhältnis von Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt noch immer deutlich über 100 Prozent liegen. Damit wäre es für Griechenland nach wie vor sehr schwierig, seine Staatsfinanzen zu stabilisieren.

  • hac
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14 Kommentare zu "Jörg Krämer im Interview: „Das war noch nicht der Wendepunkt“"

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  • @ Ernestin
    Divergenzen der Produktivität hat es immer gegeben, aber innerhalb einer Währungsunion noch nie, das würde bedeuten dass während man in D. 37,- Stundenlohn zahlen kann, weil die Produktivität sehr hoch ist, in Portugal oder Griechenland nur 7,- der Stunde zahlen könnte, obwohl der Lebensunterhalt genau so hoch ist wie in Deutschland. (Nur die Sonne ist dort billiger, der Regen aber teurer) Deswegen brauchen wir in der Eurozone eine Konvergenz der Wirtschaften und nicht was jetzt geschieht, eine zunehmende Divergenz. Die starke Wirtschaften werden auf Kosten der schwachen noch stärker. Zu viele natürliche Standortvorteile und -nachteile verhindern eine selbständige Konvergenz. Die EU-Regeln müssen dafür geändert werden.

  • @ Fragesteller,
    zu Frage 1. Es heißt dass nur 50% des Nominalwertes der griechischen Anleihen zurückgezahlt werden, egal wie viel man dafür selbst bezahlt hat.
    Also wenn die deutsche Bank G. Anleihen zu 35% gekauft hat, kriegt sie bei Fälligkeit 50% zurückgezahlt. Nach Adam Riese 30% Gewinn. So wäre eigentlich die Vereinbarung, aber da es sich um eine freiwillige Vereinbarung mit den Banken handelt, muss der Privatanleger im Prinzip sich nicht daran halten und könnte so auf 100% Rückzahlung bestehen.
    Was dann passiert wenn jetzt die deutsche Bank die Anleihen zu 50% an einen Privatanleger verkauft und dieser auf eine 100% tiger Rückzahlung besteht, wäre auch interessant zu wissen. Leicht verdientes Geld, wenn man das wusste. Ob da das Kaufdatum ausschlaggebend ist? Es gibt aber bestimmt welche die das wissen, besonders unter den Achsenmächten. Sie entscheiden doch alles, die andere sind nur Komparsen.
    Verweigert Griechenland diese 100% Rückzahlung an den Privatanleger, würde das einer Zahlungsunfähigkeit gleichkommen mit allen den Konsequenzen.
    Zu Frage 2. Damit es für Deutschland und Frankreich (die Ihre Banken retten wollen und müssen) billiger wird. Da wird Solidarität erwartet. (Sarkasmus)
    Schlaf trotzdem schön.
    Hallo Deutschland, alles wird gut!

  • "Die Staatschefs wollen Griechenlands Schulden um einen Betrag senken, der 50 Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts entspricht. Selbst wenn das gelänge, würde das Verhältnis von Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt noch immer deutlich über 100 Prozent liegen."
    100% des heutigen BIP aber 200% des morgigen BIP.
    Armleuchter wie Merkozy haben wir schon lange in Europa nicht mehr gehabt, ich stufe die beide auf gleicher Höhe mit Bush, Junior, versteht sich.


  • :::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

    " OCCUPY FRANKFURT "

    :::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::

  • den nächsten Rettungsschirm bastelt Steinbrück bereits !

  • Max Keiser im US-Fernsehen RT: http://is.gd/o0gtYU

    Gekürzte Übersetzung Zero Hedge-US-Financial-Blog:

    Die Aufmerksamkeit richtet sich schlussendlich auf die beiden Kugelfänge der Welt: Deutschland und China

    Es dauerte lang doch schlussendlich konzentrieren sich die Finanzmärkte nun spürbar auf die zwei Ländern, die am Ende die Last der Weltschulden werden schultern müssen. Deutschland und der fortwährende Platzhalter für globale Rettungsaktionen China.

    [...]

    "...heben wir hervor, dass in der letzten Woche der Nettonominalwert sowohl deutscher als auch chinesischer CDS mit 19,6 Milliarden bzw. 9.3 Milliarden US-Dollar einen neuen Höchststand erreicht hat."

    Dies ist geschehen obgleich die Nominalwerte in den zur Zeit zwei aktivsten Ländern Frankreich und Italien, gesunken sind. Was der CDS-Markt uns damit im Kern Preis gibt ist der Umstand, dass obwohl das schnelle Geld mit Ausfallrisiken in Frankreich und Italien gemacht wurde, nun schlussendlich China und Deutschland ihre Kreditrisiken und Spreads verteidigen müssen.

    Wir erwarten für den Fall, dass sich China tatsächlich als Kugelfang Europas bestätigt, indem es den EFSF als ganzes oder teilweise stützt [...] die Nettonominalwerte weiterhin anwachsen, denn es bedeutet, dass künftig immer mehr Versicherungen [...] gegen just das Land abgeschlossen werden, welches jüngst gezwungen war sein eigenes Bankensystem zu retten – ganz abgesehen von Europa.

    Die logische Konsequenz ist - wie bereits am 21. Juli angedeutet – das Anwachsen des deutschen Spreads. Nun, weil der deutsche CDS weitgehend irrelevant für die Risikoermittlung geworden ist...

  • Die Tatsache, daß die Commerzbank mit Steuergeldern gestützt werden mußte, hat wohl zum Teil damit zu tun, daß jemand wie Herr Krämer Chefvolkswirt dort ist. Offensichtlich keine Spitzenkraft. Sonst wäre ihm klar, daß es keine glaubwürdige und tragfähige Lösung geben kann, die Italien oder Spanien auffängt. Denn beide Länder müssen als dritt- und viertgrößte Volkswirtschaften der Eurozone zwingend zu den Garantiegebern gehören und dürfen nicht Garantien beanspruchen. Welcher Investor soll denn sonst die Garantien für die EFSF überhaupt noch Ernst nehmen und deren Anleihen zu niedrigen Zinsen kaufen? Es ist völlig unmöglich Italien, dessen Anleihenmarkt der drittgrößte der Welt ist, gegen die Kapitalmärkte abzuschirmen. Geradezu absurd und jenseits jeder Realität ist es, so etwas öffentlich als anstrebenswert oder realistisches Ziel für die Stabilisierungsmaßnahmen der Eurozone auszugeben. Wenn Spanien oder Italien in größere Schwierigkeiten kommen, ist dies das Ende des Euro in seiner jetzigen Form. Auch die Tatsache, daß die Politik fest entschlossen zu sein scheint, Absicherungsinstrumente wie CDS auszuschalten, wird eher dazu führen, daß sich Investoren zurückhalten und damit die Zinsen für Italien und Spanien weiter steigen. Sicher wird Investoren auch zu denken geben, daß die Teilversicherung für Staatsanleihen bei 20% liegen soll, aber der privaten Gläubigern Griechenlands abgepreßte Schuldenschnitt bei 50% liegt. Diese können im Regelfall ganz gut rechnen und werden wohl jetzt erst recht einen Bogen um Anleihen der Peripherieländer machen. Klar ist dagegen, daß mit den aktuellen Gipfelbeschlüssen der Weg in Richtung noch höherer Schulden geebnet ist, da es nun einen noch größeren "Backstop" gibt. Die einzige Lösung die dann noch bleibt, ist die Monetarisierung der gigantischen Schulden über die EZB nach Vorbild der FED in den USA. Dies wird dann als letzte Rettung über den Umweg einer Banklizenz für die EFSF erfolgen. Spätestens in einem Jahr ist es soweit.

  • Was heisst hier koennte nicht fuer Italien und Spanien reichen.
    Das weiss doch schon wieder der kleine Mann auf der Strasse und die Aldi Verkaeuferin an der Ecke, dass das niemals reichen wird, obwohl der ESFS ja unendlich gehebelt werden kann.
    Nein, denn bei Italien und Spanien, aber auch noch vorher bei Belgien, Zypern und klar, auch Frankreich liegen doch viel viel mehr Leichen im Keller als im mikrigen Griechenland. Diese Leichen stinken schon zum Himmel, aber auch die schon Getrockneten Leichen haben eine menge Energie gespeichert.
    Das wird ein Inferno und bis auf die welche bereits auf dem Sterbebett liegen, werden das in den naechsten Wochen, max. Monaten wir alle erleben duerfen. Ein Jahrtausendereignis, das uns da vergoennt ist. Welche Generation kann das schon von sich behaupten?
    www.observernews.co.de

  • @Bietchekoopen
    Warum Wirtschaftsthemen angeblich so furchtbar kompliziert und schwer verständlich sein sollen, liegt wohl zu einem großen Teil daran, dass viele irrtümlicher Weise meinen, die Gesetze von Logik und Mathematik hätten hier keine Gültigkeit. Auf die aktuelle Krise bezogen etwa -3 - 1 ergäben + 2. Dem ist aber nicht so. Auch in der Wirtschaft ergibt -3 - 1 = -4.
    Wir sind in der Tat einen großen Schritt weiter. Wir haben auf einen riesigen Schuldenberg weitere Schulden aufgehäuft (oder wo waren die Gelder für den EFSF bisher versteckt), sind also einen großen Schritt weiter in die Schuldenfalle geschritten.
    Da ist ein wenig Skepsis angesichts des Hurra-Geschreis nicht ganz unangebracht.
    Übrigens, was ist das für ein Pseudonym: Bietchekoopen. Sind Sie mit Jonker Fris oder so verwandt?

  • Na bitte. Wissen Sie wie die jetzige Krise "gelöst" wird? Es handelt sich um eine finanzielle Hebelung. Dieses Instrument war der Auslöser der Finanzkrise 2007/2008. Das grundlegende Problem bezieht sich auf die Wettbewerbsfähigkeit der südeuropäischen Länder. Und solche Probleme werden nicht durch mehr Schulden gelöst. Es ist unglaublich, dass die reichste Schichte Deutschlands (10% der Bevölkerung) 2 Bio. Euro Vermögen besitzt und schliesslich muss der Steuerzahler für die Verluste haften. Also, die Hebelung verschleiert das Kernproblem der Eurozone, nämlich die Divergenzen der Produktivität.

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