Kalifornien
Wilde Zockerei mit Arnie

Seit Anfang Juli herrscht offiziell Finanznotstand in Kalifornien. Der klamme US-Bundesstaat von Gouverneur Arnold Schwarzenegger bezahlt seither nur noch mit Schuldscheinen. Spekulanten wittern das große Geschäft und kaufen die ungeliebten Wertpapiere von Besitzern, die dringend Bargeld brauchen.

FRANKFURT/NEW YORK. Wie man einen guten Schnitt macht, weiß Paul Uvanitte schon lange. „Geld findet immer einen Weg, mehr Geld zu machen“, sagt der ehemalige Optionshändler. Der Finanzexperte kauft Leuten, die Arnies Schuldscheine besitzen, aber dringend Bargeld brauchen, die ungeliebten Wertpapiere zu niedrigen Kurs ab. Sobald Kalifornien die Scheine einlöst, sackt Uvanitte die volle Summe ein. „Ich zahle 90 Prozent des Wertes der Scheine und helfe Leuten, die ihre Rechnungen nicht bezahlen können“, sagt Uvanitte. Ein rentables Geschäft: Kalifornien verspricht den Besitzern der Schuldverschreibungen die Zahlung des Nennwertes plus 3,75 Prozent steuerfreier Jahreszinsen. Sollten die Scheine im September eingelöst werden, macht Uvanitte bei einem Kaufabschlag von zehn Prozent rund elf Prozent Gewinn. Das Geld für die Zockerei hat er bei ein Freunden aufgetrieben. Wie viel das insgesamt ist, verrät er nicht. Angst, dass Kalifornien zu pleite sein könnte, um die Schuldscheine zurück zu zahlen, hat Uvanitte nicht.

„Ich versuche doch nur, den Leuten zu helfen und dabei selber noch ein bisschen Geld zu machen“, sagt der Ex-Broker. Gelegenheit dazu gibt es genug. Denn mit den sogenannten IOUs, deren Name sich vom englischen „I owe you“ („Ich schulde Dir“) ableitet, hat Kalifornien zwar vorübergehend seine Finanzprobleme gelöst, gleichzeitig aber eine neue Goldgräberstimmung auf dem Schwarzmarkt ausgelöst. Seit dem 2. Juli hat John Chiang, Chef des kalifornischen Rechnungshofs, fast 330 000 IOUs im Wert von knapp zwei Mrd. Dollar in Umlauf gebracht. Kalifornien wird die Papiere aber frühestens am 4. September zurückzahlen. Kreditinstitute wie Wells Fargo, Bank of America, Citibank und JPMorganChase nehmen das Ersatzgeld aus Angst vor Fälschungen schon lange nicht mehr an.

Wer dringend Bares braucht, hat also ein Problem. Und da kommen Anbieter wie Paul Uvanitte ins Spiel. Sein Geschäft liegt in Studio City, einem mit der Filmindustrie groß gewordenen, heute etwas schäbigen Vorort von Los Angeles. Es funktioniert im Grunde wie eine Pfandleihe im Wilden Westen – unkompliziert und ohne großen Aufwand. „Die Leute müssen einfach persönlich vorbeikommen. Und nachdem ich die Echtheit geprüft habe, gehen wir zu meiner Bank; ich schließe die Papiere weg, und der Kunde bekommt sein Geld“, sagt Uvanitte. Damit auch alles ganz legal über die Bühne geht, wird der Verkauf notariell beglaubigt.

Uvanitte ist nicht der einzige, der an der Geldnot seiner Mitmenschen verdienen will. Täglich tauchen auf craigslist.org, dem digitalen Schwarzen Brett der USA, Dutzende Annoncen auf, in denen meist zwischen 75 und 95 Prozent des Nennwerts für die Papiere geboten werden.

Um Abzocker abzuschrecken, haben die Behörden inzwischen Minimalregeln für den schwunghaften Schwarzhandel mit dem kalifornischen Ersatzgeld aufgestellt. So hat die US-Börsenaufsicht SEC die IOUs als Wertpapiere eingestuft; sie empfiehlt nur lizensierten Brokern, mit den Schuldscheinen zu handeln. Als kommunale Schuldverschreibungen sind die Scheine aber nicht bei der SEC registriert, was eine echte Kontrolle schwierig macht. Wer als Privatperson trotzdem IOUs kauft oder verkauft, handelt in einer juristischen Grauzone und riskiert, US-Bundesrecht zu verletzen. Als Notlösung hat der kalifornische Finanzminister angekündigt, nur Schuldscheine einzulösen, deren Verkauf vom Originalbesitzer notariell beglaubigt wurde und zudem eine 24-Stunden-Hilfshotline eingerichtet.

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