Kapitalangebote jenseits der Börse bieten Chancen bei höheren Risiken
Boom der Unternehmensanleihen

Der Markt für außerbörsliche Unternehmensanleihen erlebt seinen ersten Boom. Bei generell erhöhtem Risiko lohnen nicht alle Angebote.

Da sind wir doch dabei." Hans Schäfer stützt den rechten Arm aufs Knie und lässt vom Sitzplatz auf der Nordtribüne des Kölner Rheinenergie-Stadions den Blick durchs weite Rund schweifen. "Wir müssen den Club doch unterstützen." Der Club ist der 1. FC Köln. Hans Schäfer ist Legende. Fußballweltmeister von 1954, entscheidend am 3:2-Siegtreffer Helmut Rahns gegen Ungarn beteiligt (Herbert Zimmermann: "Schäfer, nach innen geflankt").

Der 78-jährige Schäfer will, wie viele Anhänger des Domstadtvereins, ein wenig Geld in die neue Anleihe des 1. FC Köln stecken. Der Aufsteiger in die 1. Fußballbundesliga möchte außerhalb der Börse fünf Millionen Euro einsammeln und damit Spielerkader, junge Talente und den Ausbau von Immobilien finanzieren. Der Traditionsverein folgt wie sein Ligarivale Hertha BSC Berlin dem Trend vieler Mittelständler, die auf private Anleger als Finanziers statt auf Bankdarlehen setzen. Ob Schokoladenproduzent aus Sachsen-Anhalt, Immobiliengesellschaft aus Düsseldorf oder Schulbuchverlag aus Schwaben - der junge Markt für außerbörsliche Unternehmensanleihen erlebt seinen ersten Boom.

Neue Finanzierungswege gesucht

"Die Banken halten sich zurück, da sucht der Mittelstand zunehmend nach Alternativen", sagt Günter Jucho, Finanzierungsspezialist und Chef der Berliner Jucho & Partner Unternehmensberatung. Mehr als 100 Millionen Euro hat der Mittelstand in diesem Jahr bisher jenseits der Börse von Anlegern eingesammelt. Mit einer ähnlich hohen Summe rechnet Jucho, der unter anderem den Verlag Klett und den Wursthersteller Zimbo berät, zusätzlich bis Jahresende. "Mehrere Mittelständler mit Jahresumsätzen zwischen 30 Millionen und 600 Millionen Euro planen im Herbst, Anleihen an den Markt zu geben", bestätigt Peter Rucker, Juchos Ko-Gesellschafter.

Der Charme: Die Unternehmen bieten einen deutlichen Aufschlag auf die am Markt sonst üblichen Renditen. Anleger sollten sich allerdings grundsätzlich von den sechs oder sieben Prozent jährlichen Zinsen nicht zu leicht einfangen lassen. Während einige Papiere ein durchaus tragbares Wagnis aufweisen, sind andere deutlich riskanter bis hochspekulativ. "Es tummeln sich auch Unternehmen am Markt, hinter denen nur heiße Luft steckt", warnt Waldemar Preussner, Vorstandschef der Duisburger PCC AG.

Das PCC-Konzept

Er muss es wissen. Die 1993 gegründete PCC ist als Chemikalien- und Energiehandels-, Logistik- und Beteiligungsunternehmen der Pionier der bankenunabhängigen Finanzierung. Seit 1998 brachte Preussner 17 Emissionen im Nominalwert von 111 Millionen Euro auf den Markt. Mit 43 Millionen Euro ist ein gutes Drittel davon bereits getilgt. Ein Novum: Die neueste, 20 Millionen Euro schwere Anleihe wird demnächst zum Börsenhandel zugelassen. "Wir wollen unseren Investoren die Möglichkeit geben, auch zwischenzeitlich auszusteigen", so Preussner.

Mit dem Vorteil eines täglichen Handels kaufen Anleger jedoch das Risiko von Kursverlusten ein. Steigt das allgemeine Zinsniveau, fallen auch die Kurse der PCC-Anleihen. Zumal die Papiere, wie bei außerbörslichen Anleihen üblich, ohne eine Risikoeinschätzung der Ratingagenturen daherkommen und deshalb sensibler als konservative Bonds auf Marktveränderungen reagieren dürften.

Positiv: PCC gewährt den privaten Anleihekäufern Einblick in die Unternehmenszahlen. 2004 kletterte der Umsatz um 46 Prozent auf 684,3 Millionen Euro, der Gewinn vor Zinsen und Steuern um 43 Prozent auf 22,7 Millionen Euro. Die Finanzschulden betragen 82 Millionen Euro bei einer Bilanzsumme von 233 Millionen Euro, die Eigenkapitalquote liegt bei 31,8 Prozent. Das ist solide. Auch 2005 sollen die Geschäfte laut Preussner "gut laufen". Der Nettogewinn liege nach sechs Monaten bei "etwa neun bis zehn Millionen Euro".

Alte Zahlen und wenig Transparenz

Transparente, zeitnahe Zahlen sucht der interessierte Investor bei der PCC-Konkurrenz am außerbörslichen Anleihemarkt oft vergebens - ein Malus vieler Angebote. So brachte der mehr als 100 Jahre alte, auf Schul- und Sprachbücher, Erwachsenenbildung und Fernschulen spezialisierte Ernst-Klett-Verlag dieses Jahr innerhalb von nur zehn Tagen 30 Millionen Euro zwar bei privaten Anlegern unter. Die kauften sich aber im halben Blindflug ein, da ihnen nur veraltete Bilanzzahlen zum 31. Dezember 2003 vorlagen. Bei einer Konzernbilanzsumme von rund 229 Millionen Euro hatte Klett in der gesamten Gruppe damals eine Eigenkapitalquote von knapp 25 Prozent, in der weniger Töchter umfassenden AG sogar fast 50 Prozent. Insgesamt wies Klett Nettoverbindlichkeiten von 64 Millionen Euro aus. "Wir raten den Unternehmen aber, wenigstens den investierten Anlegern auch neuere Zahlen zukommen zu lassen", so Rucker.

Auch bei Halloren findet sich auf der Web-Seite immer noch kein 2004er-Jahresabschluss. Seit 200 Jahren versüßt die Hallenser Schokoladenfabrik das Leben. Inzwischen haben Anleger fast die kompletten zehn Millionen Euro zur Verfügung gestellt, die das Unternehmen sich leihen wollte. Damit will das vor allem in Ostdeutschland bekannte Unternehmen den Bekanntheitsgrad im Westen steigern, Akquisitionen finanzieren und Verbindlichkeiten umschulden. Bei voraussichtlich 27 Millionen Euro Umsatz 2004 fällt eine zehn Millionen Euro hohe Kreditaufnahme ins Gewicht. Allerdings stützen eine ordentliche Eigenkapitalquote von 25 Prozent (Ende 2003) und solides Vermögen wie Immobilien und Beteiligungen eine Investition.

Spekulative Angebote

In eine ganz andere Umsatzgrößenordnung investieren Anleger bei der neuen 30-Millionen-Anleihe von Frosch Touristik (FTI). Das Münchner Urlaubsunternehmen machte 2004 fast 550 Millionen Euro Umsatz, schreibt aber seit Jahren Verluste. 438 Millionen Euro Verlustvorträge bei einer rückläufigen Eigenkapitalquote von 19 Prozent machen das Papier sehr riskant.

Als hochspekulativ sind die Anleihen der Immobiliengesellschaften Leipziger Wohnungsbaugesellschaft West und DM Beteiligungen einzuschätzen. Anlegerschützer warnen seit Jahren vor ihnen. "Auf Grund der kaum zu durchblickenden Geschäfte dieser Unternehmen würde ich die Papiere nicht mit der Kneifzange anfassen", bestätigt ein Branchenkenner.

Zinszahlung aus Mieteinnahmen

Als seriös stufen dagegen auch professionelle Analysten die Hypothekenanleihe der Düsseldorfer Boetzelen ein. Boetzelen kauft sich in Discountfilialen von Aldi, Lidl und Wettbewerbern ein und vermietet diese an die Handelsunternehmen zurück. "Unseres Erachtens hat die Anleihe konservativen Charakter", sagt Roland Könen, Analyst des Düsseldorfer Bankhauses Lampe. Aus den Mietverträgen will Boetzelen die sechs Prozent an Zins und die Rückzahlung des 20 Millionen schweren Papieres erwirtschaften. "Acht bis zehn Objekte sind schon gekauft", so Könen. Die Immobilien dienen als Sicherheit für die Anleihe, allerdings nur nachrangig. Zuerst haben die Banken bei möglichen finanziellen Schwierigkeiten Zugriff auf das Vermögen der Boetzelen-Gruppe. "Dieses eindeutig höhere Risiko wird über den höheren Zins ausgeglichen", so Könen.

Einen Prozentpunkt mehr Zins bei deutlich kürzerer Laufzeit als Boetzelen zahlt Helma Eigenheimbau. Allerdings sind die sieben Prozent schon als Minimalangebot für eine Gesellschaft einzuschätzen, die mit 21 Millionen Euro Umsatz im schwierig zu kalkulierenden Fertighausgeschäft agiert. Ähnlich der ostdeutschen Pauly Biskuit, die für ein neues Papier 7,25 Prozent jährlichen Zins bietet, sind die Prospektinformationen bei Helma dürftig.

Wein oder Pralinen statt Bares

Nicht alle Schuldner bieten Bares. Auch exotische Angebote finden Anleger auf dem bunt gemischten außerbörslichen Anleihemarkt. Das Bernkasteler Weingut Sybille Kuntz offerierte im vergangenen Jahr 7,5 Prozent Verzinsung für einen anleiheähnlichen Genussschein, zahlt aber in Riesling. Der Flüssigzins errechnet sich mit Preisen aus der Preisliste für Privatkunden, ähnlich wie bei der Confiserie Lauenstein aus Ludwigstadt. Hier konnten Anleger wählen, ob sie für ihren Genussschein einen Trüffelzins von 8,5 Prozent in Form von Pralinen oder bare 4,5 Prozent wollten.

Da hätte wohl auch der 1. FC Köln Eintrittskarten statt Cash-Rendite für seine Anleihe offerieren können. "Wir wollen aber einen interessanten Zins bieten", sagt Claus Horstmann, Geschäftsführer des Bundesligaclubs. Mit nur fünf Prozent fällt der Investor im Vergleich der angebotenen Mittelklasse-Unternehmensanleihen aber in ein Turboloch. Die Höhe des Zinses interessiert echte Fan-Anleger wie Weltmeister Hans Schäfer ohnehin nicht: "Hauptsache, der FC ist bald wieder da, wo er hingehört - unter die ersten fünf in der Bundesliga."

Quelle: Wirtschaftswoche Nr. 34 vom 18.08.2005 Seite 082

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