Kursrutschbei zehnjährigen US-Staatsanleihen
US-Zinskurve setzt Dollar unter Druck

Die Turbulenzen in Folge der weltweiten Kreditkrise haben die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen erstmals seit mehr als zwei Jahren zeitweise unter die vier-Prozent-Marke gedrückt. Auslöser war eine Flucht aus Aktien in Anleihen, die in Asien begann und sich in Europa fortsetzte. Das dürfte nach Meinung von Experten den Dollar weiter unter Druck setzen. Bereits am heutigen Donnerstag erreichte der Euro ein neues Rekordhoch.

FRANKFURT. Besonders heftig war der Kursrutsch bei den zweijährigen US–Staatsanleihen, die stark auf veränderte Leitzinserwartungen reagieren und die zudem regelmäßig als sicherer Hafen genutzt werden, wenn die Investoren verunsichert sind. Allein gestern gab die Rendite dieser Kurzläufer fast einen viertel Prozentpunkt auf 2,96 Prozent nach. In einer Woche betrug der Rückgang fast einen halben Prozentpunkt in den letzten drei Wochen sogar annähernd einen Prozentpunkt.

Zum Vergleich: Der Leitzins der US-Notenbank Fed liegt bei 4,5 Prozent. Die Diskrepanz zeigt, dass der Markt nicht glaubt, dass die Notenbank Federal Reserve nach zwei Zinssenkungen ihre erklärte Absicht wahr machen kann, bis auf weiteres den Leitzins stabil zu halten. Aus den Kursen von Zinstermingeschäften lässt sich ablesen, dass die Marktteilnehmer eine Zinssenkung bereits auf der nächsten Fed-Sitzung am 11. Dezember zu zwei Dritteln eingepreist haben. Der Markt rechnet damit, dass der US–Leitzins Mitte nächsten Jahres unter die Vier-Prozent-Marke fällt. Das wäre niedriger als der derzeitige Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB), die bisher weiterhin eine deutliche Neigung zeigt, diesen Leitzins eher anzuheben als zu senken.

Für Analysten ist der wegschmelzenden Zinsvorsprung der USA einer der wichtigsten Gründe für die anhaltende Schwäche des Dollars, der gemessen an einem Korb der wichtigsten Währungen der Welt von Rekordtief zu Rekordtief fällt. „Damit Anlagen in Dollar für langfristige Anleger attraktiv sind, muss Amerika einen Zinsvorteil von etwa einem Dreiviertel Prozentpunkt bieten“, sagte Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank: „Da das bei weitem nicht mehr der Fall ist, gehe ich davon aus, dass der Dollar noch schwächer wird.“ Der Experte geht davon aus, dass der EZB wegen des Höhenflugs des Euros nichts anderes übrig bleiben wird, als dem Beispiel der US-Notenbank zu folgen und ihren Leitzins ebenfalls zu senken.

Der Euro hat am heutigen Donnerstag erneut einen neuen Rekordstand markiert. Die europäische Gemeinschaftswährung kletterte auf bis zu 1,4 872 Dollar, nachdem sie bereits am Mittwoch neue Höchststände erreicht hatte und bis auf 1,4 869 Dollar gestiegen war.

Krisensignale sendet nicht nur der Anleihemarkt, sondern auch der Geldmarkt, der als erster von der Subprime-Krise betroffen worden war. Nachdem die Sätze, zu denen die Banken sich untereinander mittelfristig Geld ausleihen, von sehr hohem Niveau zwischenzeitlich etwas nachgegeben hatten, haben sie in den letzten Tagen wieder deutlich angezogen. Der Zins von Dreimonatsgeld in Euro, stieg auf 4,65 Prozent. Das ist so viel wie seit Ende September nicht mehr. Auch der Dollar-Libor zog kräftig auf 5,02 Prozent an, der höchste Satz, seit die Fed mit ihrer ersten kräftigen Zinssenkung am 18. September für deutliche Entspannung am Geldmarkt gesorgt hatte. Der Pfund-Libor stieg sogar auf 6,52 Prozent, 77 Hundertstel mehr als der Leitzins, und das, obwohl das gestern veröffentlichte Protokoll der jüngsten Sitzung der Bank of England die Erwartung einer baldigen Zinssenkung schürte.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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