Lehman-Pleite
Markt für Kreditderivate schrumpft

Die Pleite von Lehman Brothers stellt die Finanzbranche vor große Herausforderungen. Denn noch ist nicht abzusehen, in welchem Umfang die Investmentbank handelbare Kreditausfallversicherungen verkauft hat, die nun durch die Insolvenz mit hoher Wahrscheinlichkeit wertlos geworden sind. Die US-Behörden haben indes bereits erste Erfolge dabei erzielt, die Spekulation mit Kreditderivaten einzudämmen.

FRANKFURT. Die US-Behörden haben erste Erfolge dabei erzielt, die Spekulation mit Kreditderivaten einzudämmen. Die Notenbank Fed und das US-Finanzministerium hatten nach dem Beinahe-Kollaps der Investmentbank Bear Stearns im Frühjahr die Derivatebranche dazu gedrängt, den Markt für handelbare Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps, CDS) zu bereinigen. Nach Daten des Derivateverbands International Swaps and Derivatives Association (ISDA) schrumpfte der Markt für CDS von Ende Dezember 2007 bis Ende Juli diesen Jahres um zwölf Prozent auf offene Geschäfte (Kontrakte) im Wert von 54,6 Bill. Dollar. Es ist der erste Rückgang seit Anfang des Jahrzehnts.

Mit CDS sichern sich Investoren gegen den Ausfall von Forderungen ab und zahlen dafür eine Prämie. Doch zuletzt nutzten sie die Instrumente mehr zur Spekulation als zur Absicherung. Dadurch wuchs der Markt von Ende 2001 bis Ende vergangenen Jahres um das 100-Fache. Er ist inzwischen um ein Vielfaches größer als der gesamte Markt für internationale Anleihen.

Die Kreditkrise erleichterte es den Investoren gar noch, mit den Papieren zu spekulieren. Denn die Risikoprämien für die Absicherung explodierten. Die Investoren können sich so Schutz zu einer bestimmten Prämie einkaufen und bei weiter steigenden Risikoprämien an andere Investoren teurer wieder verkaufen.

Beobachter schätzen, dass der CDS-Markt auch deshalb geschrumpft ist, weil die Rufe nach einer Regulierung des Marktes lauter werden. Zuletzt hatte Christopher Cox, Chef der US-Börsenaufsicht SEC, den Kongress aufgefordert, Aufseher mit Vollmachten auszustatten.

Hintergrund ist die Gefahr, dass ein Anbieter von CDS-Kontrakten ausfällt und der Schutz, den er verkauft hat, damit wertlos wird. Vor genau diesem Problem steht der Markt mit der Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers. Noch immer ist nicht abzusehen, in welchem Umfang Lehman CDS-Kontrakte angeboten hat und wie viele Investoren mittels der Derivate Ausfallschutz auf Lehman gekauft haben.

Kurz vor dem Insolvenzantrag hatte die ISDA eine Notsitzung der größten Händler einberufen, bei der Geschäfte und Gegengeschäfte mit Lehman als Kontraktpartner gegeneinander aufgerechnet wurden. Endgültig abgeschlossen werden sollen die Geschäfte am 10. Oktober. Durch die Insolvenz dürfte der Markt noch weiter geschrumpft sein. "Das liegt daran, dass wegen des Lehman-Zusammenbruchs weitere Positionen weggefallen sind und Geschäfte storniert wurden", sagte Brian Yelvington vom Researchhaus Credit Sights der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Die Branche selbst, sagte ISDA-Chef Robert Pickel, bemühe sich, das Risiko zu senken und die Effizienz zu erhöhen. So haben die CDS-Investoren - die größten sind Banken und Hedge-Fonds - einen großen Teil der Geschäfte aufgelöst, die sich gegenseitig aufheben. Beispiel: Eine Bank bietet und kauft gleichzeitig Schutz für den Ausfall einer Anleihe eines Unternehmens. Durch die Auflösung solcher Geschäfte wird der administrative Aufwand mit Blick auf Zahlungsströme und Verträge verringert.

Enormer Aufwand kommt auf die Akteure jetzt aber durch die Verstaatlichung der US-Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac zu. Denn die gilt laut ISDA-Regeln als Ausfall, alle Versicherungen müssen bezahlt werden.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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