Manipulationsvorwürfe
Handel mit Firmenanleihen im Zwielicht

Die Überwachungsstelle der Frankfurter Börse und die deutsche Finanzaufsicht ermitteln wegen möglicher Manipulationen im Anleihehandel. Einzelne Market Maker sollen an den umsatzschwachen Tagen zur Jahreswende verzerrte Preise gestellt haben. In den Büchern der Banken könnte sich das zum Bilanzstichtag positiv ausgewirkt haben.

FRANKFURT. Der Handel mit Unternehmensanleihen gerät ins Visier der Aufseher. Im Zentrum steht dabei zunächst die Frankfurter Wertpapierbörse. Der dortigen Handelsüberwachungsstelle sind über den Jahreswechsel erratische Kursschwankungen in einzelnen Bonds aufgefallen. Dabei gibt es den Verdacht, dass einzelne Market Maker verzerrte Preise gestellt haben.

Ein Sprecher der Deutschen Börse, die die Frankfurter Wertpapierbörse betreibt, und eine Sprecherin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) bestätigten die Ermittlungen. Die BaFin wird den Fällen nachgehen.

Market Maker sind Banken oder Skontroführer, die regelmäßig Kurse für bestimmte Unternehmensanleihen stellen und so für einen tragfähigen Handel sorgen. Im Zuge der Finanzkrise sind die Umsätze an den Börsen jedoch extrem ausgetrocknet, was mögliche Manipulationen erleichterte.

Üblich sind bei Unternehmensbonds Kursschwankungen von nur wenigen zehntel Prozentpunkten. Bei einzelnen Bonds von Versorgern wie Veolia Environnement sind die Kurse nach einem Bericht der "Börsen-Zeitung" jedoch an einem Tag um zwölf Prozentpunkte in die Höhe geschnellt. Auch bei Bonds von Telekomfirmen und anderen großen Konzernen gab es dem Vernehmen nach große Kursschwankungen.

Das Motiv für Manipulationen liegt darin, dass Banken für ihren Eigenhandel oder im Auftrag von Fonds oder Unternehmen Bilanzkosmetik betreiben wollen. Zu bestimmten Stichtagen - etwa dem Jahresschluss - müssen sie den Kurs von Wertpapieren in ihren Portfolios ausweisen. Preise an den Börsen als regulierten Märkten sind dabei als Maßstab anerkannt und beliebt, obwohl die Umsätze an den Börsen im Anleihehandel gering sind. Bonds werden in der Regel zwischen Marktteilnehmern direkt "Over-the-Counter" (OTC), also am Telefon oder über elektronische Systeme ausgehandelt. Teils über 80 Prozent des Handels entfallen bei Unternehmensanleihen auf den OTC-Markt. Dortige Abschlüsse gelten indes als zivilrechtliche Verträge.

Auch andere deutsche Börsen, unter denen Frankfurt die größte ist, prüfen nach Informationen des Handelsblatts auffällige Kursbewegungen bei Unternehmensanleihen. Die Überwachungsstellen selbst äußern sich nicht zu laufenden Verfahren, aus börsennahen Kreisen verlautete jedoch, dass in Stuttgart im Rahmen der regelmäßigen Untersuchungen ebenfalls Unregelmäßigkeiten im Bondhandel festgestellt wurden. Ähnliches gilt wohl auch für die Börse in Düsseldorf. Die Überwachungsstelle in Frankfurt will dem Vernehmen nach in diesem Jahr einen Schwerpunkt auf die Prüfung des Handels mit Firmenbonds legen. Andere Überwachungsstellen erwägen, ähnliche Schwerpunkte zu setzen, um koordiniert vorzugehen.

Die Prüfungen sind aber noch nicht abgeschlossen und können sich noch hinziehen. Aufgefallen sind den Handelsüberwachungsstellen die Kursschwankungen auch durch Beschwerden von Marktteilnehmern, die sich im Zuge der Finanzkrise verstärkt haben.

Wenn sich die Verdachtsmomente bestätigen, wird die Staatsanwaltschaft tätig. Bei Verstößen gegen das Wertpapierhandelsgesetz drohen Betroffenen Geldstrafen und bis zu fünf Jahren Haft. cü

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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