Moody's-Analyst
„Griechenland gefährdet Deutschlands Rating“

Im Gespräch mit dem Handelsblatt begründet Dietmar Hornung, Analyst bei Moody's, Deutschlands Kreditbewertung. Außerdem spricht er über seine Befürchtungen und warum die USA besser bewertet werden.
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Handelsblatt: Herr Hornung, die Investoren sehen Deutschland noch als sichere Anlage - kratzen Sie mit dem negativen Ausblick bewusst an diesem Image?
Hornung: Nein, natürlich nicht. Wir konzentrieren uns in unserer Analyse auf die Kreditwürdigkeit eines Schuldners. Dabei sind das Vertrauen der Investoren in Deutschland und die niedrigen Anleiherenditen sehr positiv, was wir in unserer Bewertung auch berücksichtigen.

Erwarten Sie denn, dass deutsche Anleihen unter dem negativen Ratingausblick leiden werden?
Darüber möchte ich nicht spekulieren. Aber die USA haben ja schon länger einen negativen Ratingausblick für ihr "Aaa"-Rating - und das hat der Nachfrage nach US-Staatsbonds nicht geschadet.

Die USA sind viel höher verschuldet als Deutschland - warum bewertet Moody's die Bundesrepublik da nicht besser?
Wir bestimmen Ratings nicht mechanisch nach Schuldenkennziffern. Und die USA sind nicht nur die größte Volkswirtschaft der Welt, sondern ein über einen langen Zeitraum gewachsener Währungsraum mit einem stabilen Finanz- und Notenbanksystem. Und in dieser Hinsicht haben die USA nicht die Probleme und den Marktstress, unter dem einige Länder in der Euro-Zone leiden.

Was fürchten Sie konkret?
Die Gefahr, dass Griechenland aus dem Euro-Raum austritt und dass auch Spanien und Italien Hilfen für die Refinanzierung brauchen, haben sich in den vergangenen Monaten deutlich erhöht. Daraus entstehen für die Kernländer im Euro-Raum wachsende potenzielle Eventualverbindlichkeiten, also Belastungen. Und die lassen sich nicht mehr mit den stabilen Ratingausblicken verbinden, die wir bislang für die "Aaa"-Ratings von Deutschland, den Niederlanden und Luxemburg vergeben hatten.

Wenn Griechenland den Euro aufgibt und Spanien und Italien um Hilfen rufen, wird Deutschland also herabgestuft?
Klar ist, dass ein solches Szenario eine Belastung für Deutschlands Kreditwürdigkeit darstellen würde. Ein Problem für Deutschland ist ja auch, dass die Banken erhebliche Positionen an spanischen und italienischen Anleihen halten.

Und falls nichts passiert, erhält Deutschland wieder einen stabilen Ausblick?
Ein nachhaltiger Rückgang der Unsicherheit im Euro-Währungsgebiet bedarf günstiger Einflussfaktoren und des Faktors Zeit. In einem solchen Szenario verbessert sich die Wirtschaft im Euro-Raum, die Reformen schreiten voran, und das Vertrauen der Investoren in den ganzen Euro-Raum kehrt sukzessive zurück.

Ihr Rat an die Politik?
Den kann ich Ihnen nicht geben. Wir sind grundsätzlich nicht in der Politikberatung tätig.

An wen richten sich die Ratings dann?
Sie sollen den Investoren eine Hilfe zur Einschätzung der Bonitäten der verschiedenen Emittenten geben.

Aber irgendeine Vorstellung darüber wie sich die Lage wieder bessern kann, müssen Sie doch haben ...
Das Euro-Währungsgebiet hat unserer Einschätzung nach strukturelle Probleme. In diesem Zusammenhang sehen wir, dass institutionelle Fortschritte gemacht werden, beispielsweise mit den Unterstützungsmechanismen wie EFSF und ESM und auch mit der perspektivischen Ausrichtung in Richtung einer europäischen Bankenunion. Festzuhalten bleibt jedoch auch, dass sich dieser Fortschritt vor dem Hintergrund erhöhter Unsicherheit vollzieht. Hier zeichnen sich nun auch erhöhte Risiken für die Kernländer im Euro-Raum ab - einschließlich Deutschland und den Niederlanden.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin

Kommentare zu " Moody's-Analyst: „Griechenland gefährdet Deutschlands Rating“"

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  • Ach Wunder oh staune!

    Ein Land setzt sich HAftungsrisiken in Höhe von 500 Mrd. aus und der Eintritt des Haftungsfalls rückt immmer näher. Also wenn das keine Auswirkung auf den Ausblick (!) hinsichtlich der zukünftigen Bonität hat, was dann bitte? Das sich die Zinsen nicht postwendend ändern kann nur denjenigen verwundern, der keine Ahnung davon hat, dass das Anlagekapital schlicht keine Alternativen mehr hat als die BRD. Selbst Frankreich hat zur Zeit enorm geringe Zinsen zu zahlen. Das ändert alles aber nichts am Ausfallrisiko. Pimco zieht jedenfalls in weiser Voraussicht schon massiv Kaptial aus Staatsanleihen ab.

    In der Finanzkrise haben die Leute rumgeheult, weil die Ratings zu lasch waren, jetzt sind sie auf einmal zu streng!? Das Sündenbockprinzip muss halt wieder her!

    Die BRD ist auf einem sehr beängstigenden Weg ein failed state zu werden. Sollte sich die Politik nicht grundlegend ändern, wird dieser Staat von den Märkten an die Wand geklatscht werden. Und in der jetzigen Verfassung gehört er dort auch hin.

    Moodys und Co werden am Ende den deutschen Steuerzahler retten, weil man der Politik nicht anders beibringen kann, dass es falsch läuft. Wenn wir hoffentlich schnell unser Rating verlieren, kommt vielleicht auch der Club Med auf die Idee, dass ihre Finanzierungsstrategie über die BRD keinen Aussicht auf nachhaltigen Erfolg hat.

  • "Und die USA sind nicht nur die größte Volkswirtschaft der Welt, sondern ein über einen langen Zeitraum gewachsener Währungsraum mit einem stabilen Finanz- und Notenbanksystem."

    Dass die größte Kriegswirtschaft der Welt nicht mehr lange Ihr scheinbar (!) "stabiles Finanz- und Notenbanksystem" genießen werden kann, darum geht es unter anderem.

    Hat Schweden oder die Schweiz eigentlich eine "Rating-Agentur", Europa....? Nein? Wieso denn nicht?

  • Griechenland gefährdet nicht nur das Rating der BRD,
    sondern die Stabilität des Währungssystems mit dem
    heutigen weiteren Einsatz des ELA (Emergency Liquidity
    Assistance) des lokalen Gelddruckens, einheitlich be-
    schlossen in besseren Zeiten der ''EU'' und keiner
    schreitet ein. Eine jammervolle Vorstellung der EUdSSR!!

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