Nächste EZB-Zinserhöhung erwartet
Skepsis am Anleihemarkt wächst

Führende Bankvolkswirte korrigieren ihre Prognosen und erwarten ein Zinsniveau für zehnjähirge Bundesanleihen von dauerhaft über vier Prozent. Grund sind die Erholung der Aktienmärkte, robuste US-Arbeitsmarktdaten und gute Euro-Konjunkturindikatoren.

FRANKFURT. Die Volkswirte führender Banken haben ihre Prognosen für die langfristigen Kapitalmarktzinsen in Europa hochgeschraubt. Die meisten vom Handelsblatt befragten Fachleute erwarten nun, dass die Rendite der marktbestimmenden zehnjährigen Bundesanleihe am Jahresende deutlich über vier Prozent betragen wird. Im Dezember waren noch viele Banken davon ausgegangen, dass die Zinsen wieder unter die Vier-Prozent-Marke sinken.

Auslöser für die wieder steigenden Renditen sind die Erholung der Aktienmärkte, robuste Arbeitsmarktdaten aus den USA und gute Konjunkturindikatoren für den Euro-Raum. Zudem unterstrich die US-Notenbank Fed zuletzt die Risiken der Inflation und dämpfte damit Hoffnungen auf Leitzinssenkungen. Von der Europäischen Zentralbank (EZB) wird für Juni die nächste Zinserhöhung auf vier Prozent erwartet.

Die Anleihen haben sich schlechter entwickelt als vielfach erhofft; die Kurse fielen, im Gegenzug stiegen die Renditen. Mitte April stieg die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe auf 4,24 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit zweieinhalb Jahren. Seitdem ist sie zwar wieder auf knapp 4,2 Prozent gesunken, liegt aber noch deutlich über dem Jahrestief von 3,9 Prozent. Dieses hatte sie Mitte März erreicht, als reihenweise US-Hypothekenfinanzierer Pleite gingen, was die Aktienmärkte vorübergehend in die Knie zwang.

Bundesbankpräsident Axel Weber hat in einem Gespräch mit dem Handelsblatt bereits eine weitere Leitzinserhöhung nach Juni angedeutet. „Darüber hinausgehende Zinserhöhungen hängen vom Lohnwachstum im Euro-Raum ab“, meint Sandra Petcov, Volkswirtin bei Lehman Brothers. Auch Alexander Krüger, Volkswirt bei der WestLB, hält es für möglich, dass die EZB die Leitzinsen angesichts der guten Konjunktur noch deutlicher anhebt. Für ABN Amro ist eine Erhöhung auf 4,5 Prozent schon sicher. Derzeit beträgt der Euro-Leitzins 3,75 Prozent.

Die Zinspolitik der EZB und auch der Fed sind Dreh- und Angelpunkt der Prognosen für die Kapitalmarktzinsen. Dabei gehen die Meinungen über die Fed-Politik und die Konsequenzen für die Anleihen deutlich auseinander. So erwartet die WestLB, dass die US-Währungshüter die Leitzinsen ab Sommer senken werden. Die Fed sehe deutlich die Risiken für die Konjunktur gerade angesichts des schwachen Immobilienmarkts, meint Krüger.

Lehman Brothers erwartet dagegen, dass die Fed den Leitzins bei aktuell 5,25 Prozent stabil halten wird. „Die Inflationsraten liegen seit Jahren über der so genannten Komfortzone der Fed, das wird Zinssenkungen verhindern“, sagt Petcov. Trotzdem erwartet sie auf Jahressicht für den Euro-Raum niedrigere Renditen als die WestLB. Petcov begründet das damit, dass die europäischen Inflationsraten auch durch die Preis- und Lohnkonkurrenz aus Osteuropa und Asien gedeckelt seien.

ABN Amro dagegen geht davon aus, dass die Fed die Zinsen im vierten Quartal erhöhen wird. „Die Wachstumsstory ist intakt, weil der private Konsum nach wie vor den Aufschwung trägt“, sagt Zinsstratege Harvinder Sian. Trotzdem liegt die ABN-Prognose für die zehnjährige Bund-Rendite mit 4,5 Prozent nicht wesentlich etwa über der von der WestLB.

Die Deutsche Bank setzt dagegen auf Zinssenkungen der Fed und erwartet, dass auch die EZB die Zinszügel – nach der Anhebung im Juni – Ende 2007 oder Anfang 2008 wieder lockern wird. Folglich gehört die Deutsche Bank zu den wenigen Häusern, die weiter darauf setzen, dass die langfristigen Kapitalmarktzinsen doch wieder unter vier Prozent fallen werden.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%