Neue Anleihen
Bondmarkt erwacht

Der Markt für neue Unternehmensanleihen ist aus seiner Schockstarre erwacht – und Investoren greifen bei neuen Bonds zu. Am Donnerstag wagten sich mit dem Autokonzern BMW und den Versorgern Iberdrola und Energie Baden-Württemberg gleich drei Unternehmen mit neuen Anleihen im Volumen zwischen 750 Mio. und 1,6 Mrd. Euro aus der Deckung.

FRANKFURT. Am Mittwoch hatten bereits der deutsche Versorger RWE und der niederländische Flughafenbetreiber Schipol Anleihen über zwei Mrd. und 700 Mio. Euro platziert.

Damit sind in den vergangenen beiden Tagen mehr Euro-Anleihen begeben worden als von Mitte September bis Ende Oktober. Nach der Insolvenz der US-Bank Lehman Brothers vor zwei Monaten schreckten Investoren vor Unternehmensanleihen zurück und verkauften massiv Bonds. Das trieb die Kurse nach unten und die Renditen und Risikoaufschläge auf die höchsten Stände seit Einführung des Euros.

„Zuletzt war der Verkaufsdruck nicht mehr so groß, das nutzen Unternehmen mit großem Refinanzierungsbedarf aus“, sagt ein Investmentbanker in London. Dafür müssten die Firmen zwar viel zahlen, also hohe Renditen bieten. Da sie aber nicht wüssten, ob sich die Lage im nächsten Jahr verbessere, preschten sie lieber jetzt vor. Die aktuellen Emissionen seien angesichts der Unsicherheit über die Ausmaße der Rezession deshalb noch kein Zeichen für eine nachhaltige Verbesserung des Marktes.

„Unternehmen nutzen die aktuelle Beruhigung, um sich mit Kapital einzudecken“, meint auch Stefan Sigrist, Analyst für Unternehmensanleihen bei der Landesbank Baden-Württemberg. Wie lange dieses Zeitfenster für Emissionen offen bleibe, sei aber ungewiss. Als mögliche Emittenten, die kurzfristig noch Geld über den Bondmarkt einsammeln könnten, werden in Bankenkreisen der britische Telekomkonzern Vodafone, der spanische Versorger Endesa und der deutsche Medienkonzern Bertelsmann genannt.

Im Schnitt bieten auf Euro lautende Unternehmensanleihen mit Ratings im relativ sicheren Bereich Investmentgrade inzwischen 3,4 Prozentpunkte mehr Rendite als deutsche Bundesanleihen, zeigen Daten von Merrill Lynch. Damit haben sich Risikoaufschläge (Spreads) seit der Lehman-Pleite mehr als verdoppelt. In den vergangenen Tagen sind die Spreads aber kaum noch gestiegen. Bei Autokonzernen, die im Zuge der Rezession besonders unter Druck stehen, sind sie sogar stark gesunken. Für neue Bonds müssen die Unternehmen aber tief in die Tasche greifen und deutlich höhere Renditen als für ausstehende Papiere bieten. BMW zum Beispiel vermarktete seine fünfjährige Anleihe mit einer Rendite von etwa neun Prozent – eine vergleichbare BMW-Anleihe rentiert mit 7,8 Prozent.

Dass die Bonds bei entsprechenden Aufschlägen überhaupt Käufer finden, werten Banker aber positiv. Denn für die Firmen ist es wichtig, an frisches Geld zu kommen, auch wenn sie dafür mehr Zinsen zahlen müssen. Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) hat kürzlich ausgerechnet, dass in den kommenden drei Jahren Anleihen europäischer Firmen abseits der Finanzbranche von gut 450 Mrd. Euro fällig werden. Die Ratingagentur Moody’s erwartet, dass in den kommenden zwölf Monaten zwölf Prozent aller europäischen Unternehmen in Finanzierungsschwierigkeiten geraten werden, wenn sie kein Kapital aufnehmen können.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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