Pleitewelle

Kleine Anleihe, großer Ärger

Einst gefeiert, jetzt gescholten: Der Markt für Mittelstandsanleihen steckt in der Krise. Eine Hiobsbotschaft folgt der anderen. Anleger bangen um ihr Geld. Experten warnen vor den Minibonds. Eine Bilanz.
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Ein verzweifelter Anleger: In die Minibonds sind Milliarden geflossen. Nun drohen weitere Ausfälle. Quelle: Getty Images

Ein verzweifelter Anleger: In die Minibonds sind Milliarden geflossen. Nun drohen weitere Ausfälle.

(Foto: Getty Images)

DüsseldorfDie Adventszeit im Jahr 2013 wird Investoren von HKW und S.A.G. Solarstrom nicht besonders gut in Erinnerung bleiben. Pünktlich zu Weihnachten meldeten der Personaldienstleister und der Anbieter von Photovoltaikanlagen Mitte Dezember Insolvenz an. Gut zehn Millionen Euro haben Anleger HKW geliehen, über eine Anleihe, die das Unternehmen im November 2011 an der Börse platziert hatte. Bei S.A.G. sind es zwei Anleihen mit einem Volumen von insgesamt 75 Millionen Euro. Kurz zuvor hatte der Onlineversand Getgoods die Segel gestreckt, der Anlegern 60 Millionen Euro schuldet.

Wie viel von ihrem Geld die Anleiheanleger wiedersehen werden, wird sich erst nach Abschluss der Insolvenzverfahren zeigen. Doch der Verlust dürfte schmerzhaft sein. Die jüngsten Pleiten waren der vorerst traurige Höhepunkt einer Pleitewelle von Emittenten sogenannter Mittelstandsanleihen.

Diese Bonds, die in speziellen Segmenten an den deutschen Börsen – Bondm in Stuttgart, m:access in München, Mittelstandsmarkt in Düsseldorf, Mittelstandbörse in Hamburg-Hannover und dem Frankfurter Entry Standard – notiert sind, gibt es seit 2010. In diesen fünf Segmenten sind 113 Anleihen mit einem Volumen von 5,5 Milliarden Euro emittiert worden. Tatsächlich platziert wurden nach Angaben der Ratingagentur Scope 4,14 Milliarden Euro. Weitere 37 Anleihen mittelständischer Unternehmen sind im Prime Standard oder im Freiverkehr notiert. Insgesamt kommt Scope auf ein Volumen von 7,26 Milliarden Euro (platziert 5,77 Milliarden Euro). Vor allem Privatanleger zeichneten die Minibonds, die Mittelständlern neue Finanzierungsmöglichkeit über den Bankkredit hinaus ermöglichen.

Mittelstandsanleihen sind bei Investoren vor allem wegen der hohen Zinskupons beliebt. Während Staatsanleihen mit guter Bonität und Unternehmensbonds solider Firmen nur noch Minirenditen bringen, locken die Mittelstandsanleihen mit saftigen Zinszahlungen. Bei den seit 2010 begebenen 150 Papieren reicht das Spektrum von 4,0 bis immerhin 11,25 Prozent. Über alle Mittelstandsanleihen ergibt sich laut Scope eine durchschnittliche Kuponhöhe von 7,2 Prozent.

Der durchschnittliche Kupon bei den 2013 emittierten Mittelstandsanleihen lag sogar bei 7,4 Prozent, wie der Emissionsberater Kirchhoff Consult berechnet hat. Zum Vergleich: Für Anleihen von Dax-Unternehmen gibt es im Schnitt nur noch gut zwei Prozent.

Doch wie für alle Geldanlagen gilt auch für Minibonds: Wer mehr Rendite einfahren will, muss auch ein erhöhtes Risiko eingehen. Und solche Wetten gehen eben nicht immer auf: Insgesamt zehn Anleihen mit einem platzierten Anleihevolumen von 380 Millionen Euro sind laut Scope im Jahr 2013 ausgefallen. Der Großteil davon entfällt auf den Bereich der Erneuerbaren Energien. Allerdings verzeichnete der Markt für Mittelstandsanleihen auch die ersten Insolvenzen in anderen Branchen. Damit ist mit dem Vorurteil ausgeräumt, die Pleiten seien ein Branchenproblem.

Jeder achte Euro steckt in einer Pleitefirma
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11 Kommentare zu "Pleitewelle: Kleine Anleihe, großer Ärger"

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  • @Hermetes
    Die EEG-Blase ist am Platzen, da hilft Paranoia auch nicht weiter. Prokon macht laut EIGENEN Angaben einen neunstelligen (!) Verlust pro Jahr - nachdem lange gar kein Geschäftsbericht veröffentlicht worden war. Die Stiftung Warentest führt Prokon auf ihrer Warnliste. Nun übt Prokon massiv psychologischen Druck auf die Anleger aus, man dürfe aus "moralischen" Gründen doch jetzt nicht aus dem Schneeballsystem aussteigen. Was hat dies mit einer "Schmutzkampagne der Banklobby" zu tun? Der Kaiser hat schlicht und einfach keine Kleider.

  • @Hermetes
    Entweder haben sie die Energiegewinnung auf Basis der Marktwirtschaft und der physikalischen Gesetzgebungen immer noch nicht verstanden oder Sie lügen!
    Die sog. Erneuerbaren Energien sind aus naturwissenschaftlicher (Physik) und damit aus marktwirtschaftlicher Sicht einen Kohle-,Gas- und Kernkraftwerk weit unterlegen! Wind,Sonne haben keine Speicher und eine geringe Energiedichte! Kohle, Gas und Uran haben eine hohe Energiedichte und ihren Speicher bereits mit dabei! Das EEG macht aus den Erneuerbaren Energieerzeugern eine indirekte Subvention und damit tretten die EE-Abzcoker beim Verbraucher (=Abgezockert per Zwangs-EEg) am Markt auf!

  • Schnell sind Illusionen von einer sicheren Geldanlage aufgebaut. Doch immer dann wenn ich Geld aus der Hand gebe ist es immer mit Risiko behaftet es wieder zurück zu bekommen. Selbst auf einem Sparkonto und Deutscher Staatsanleihe.

    Prokon und Windreich müssen gegen die Energielobby sowie die Banklobby ankämpfen. Die mit Schmutzkampangen medial bekämpft werden. Denn der Banklobby ist eine Finanzierungsmöglichkeit die an einer Bank vorbei geht, ein Dorn im Auge.

  • Ein Beispiel: Mittelständisches Unternehmen gehört 3 Geschäftsführenden Gesellschaftern. Diese benötigen zur Fortsetzung des operativen Geschäfts Euro 9 Millionen.
    Sind bereit 8% Zinsen zu bezahlen. Aber diese Herrschaften genehmigen sich ein Geschäftsführergehalt von jeweils 350.000 im Jahr. Ist das nicht irre, denen Geld zu geben?

  • Ist so, war so, wird immer so sein: Gier frisst Hirn!
    Zahle bei meiner Bonität, für einen variablen Immokredit, bei einer Sparkasse sagenhafte 0,77% p.A.
    Wenn ein Schuldner "freiwillig" >7% zahlt, sollte jedem halbwegs intelligenten Menschen klar sein, wie es um dessen Bonität bestellt ist!
    Da kann man sein Geld lieber gleich Bedürftigen spenden. Dann hat man wenigstens ein gutes Werk getan.

  • Nun setzt wieder die Anleger-Teil-Demenz ein: "Keiner hat es gewusst, keiner wollte so was, hab' gar nicht verstanden, worum es da geht, aber mein Bankberater hat es mir empfohlen". Hilft nichts: Steht alles im Kleingedruckten.

  • Man kann sicher nicht alle Mittelstandsanleihen über einen Kamm scheren. Eine sinnvolle Ergänzung kann es für den ein oder anderen Investor sicherlich sein, dann aber nur eine Investition in ein gut diversifiziertes Mittelstands Anleihen-Portfolio. Für Privatanleger halte ich einzelne Investitionen für nicht angebracht. Der grundsätzliche Zusammenhang von Rendite und Risiko zeigt sich sehr anschaulich in dem Markt von Mittelstandsanleihen. Vor diesem Hintergrund gilt es für Privatanleger, den bekannten Spruch "Gier frisst Hirn" nicht zu vergessen.

  • Keine Angst. Die große Koalition wird das alles wieder richten. Gleich nach dem Beckenring ist dieses Problem dran. Es ist doch bisher immer und alles besser geworden unter Merkel. "Deutschland geht es gut." säuselt sie bei jeder Gelegenheit. Also hört auf zu meckern...

  • Ja, wer bedient sich den aus den Mittelstands-Anleihen bzw. für wenn wurde denn diese Anleihe geschaffen...waren es nicht diese Abzocker von der sog. Erneuerbaren Energiebranche, die sich daraus bedient haben?! Eine EE-Branche, die weder wirtschaftlich, noch technisch innovativ ist und somit auf dem regulären Finanzmarkt keine Chance hatte?! Ob Prokon oder Mittelstandsanleihen...alles die gleiche Abzocke!
    O

  • Jeder Privatanleger sollte bei Mittelstandsanleihen entweder mit einem hohen Ausfallrisiko rechnen oder alternativ die Finger davon lassen. Die über mittelständische Unternehmen vorliegenden Informationen haben nicht annähernd die Qualität, die man von börsennotierten Gesellschaften gewohnt ist. Im Grunde ein déjà vu: Auch viele hochverzinste Mezzanin-Darlehen konnten von in Anspruch nehmenden Unternehmen nicht refinanziert werden, was etliche Unternehmen in erhebliche Schwierigkeiten gestürzt hat.

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