Populismus in Europa: Potenziell größte Staatspleite aller Zeiten

Populismus in Europa
Euro-Austritte als Horrorszenario für Anleger

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Potenziell größte Staatspleite aller Zeiten

Wie sehen die Ratingagenturen eine Abkehr vom Euro?

Die Antwort darauf ist eindeutig: Wenn Frankreich – oder ein anderes Land – seine Anleihen nicht wie versprochen in Euro zurückzahlen würde, wäre das in den Augen der Bonitätswächter ein Zahlungsausfall. „Es gibt hier keinen Zweifel: Wenn ein Emittent seine vertraglichen Verpflichtungen – inklusive der vereinbarten Währung – nicht erfüllt, würden wir das als Default werten“, sagt Moritz Krämer, Leiter für europäische Staatsratings bei Standard & Poor’s (S&P).

Im Falle Frankreichs wäre dies die größte formelle Staatspleite aller Zeiten – und rund zehnmal so groß wie der Zahlungsausfall, den die Ratingagenturen im Jahr 2012 nach der Umschuldung Griechenlands sahen. Die Partei Front National ficht das nicht an: „Wir werden von den französischen Bürgern gewählt, es ist nicht unsere Aufgabe S&P zu gefallen“, zitiert die britische Zeitung „Financial Times“ Mikael Sala, Chef des Thinktanks Croissance Bleu Marine, der die Front National unterstützt.

Was würde das für die Refinanzierungskosten Frankreichs am Anleihemarkt bedeuten?

Frankreich müsste sehr viel mehr für neue Anleihen bezahlen, denn Investoren würden wegen der Unsicherheit gerade auch nach einer Umschuldung deutlich höhere Renditen verlangen. Yannick Naud, Anleihechef bei der Banque Audi in Genf zieht einen Vergleich zu den Schwellenländern: Auch sie müssen für ihre Anleihen in Lokalwährungen deutlich höhere Renditen bieten als für ihre Hartwährungsanleihen in Dollar oder Euro.

François Vilhau de Galhau, Chef der französischen Notenbank, schätzt, dass der Staat nach der Einführung einer neuen Währung pro Jahr rund 30 Milliarden Euro mehr Zinsen für neue Anleihen zahlen müsste. Das entspräche dem jährlichen Budget des Staates für die Verteidigung.

Für wie realistisch halten Investoren dieses Horrorszenario?

Die Nervosität ist da, aber noch spiegeln die Märkte keinen Zerfall der Euro-Zone wider. Die Rendite der zehnjährigen französischen Staatsanleihe ist zwar auf ein Prozent und der Risikoaufschlag – der Renditeabstand zu Bundesanleihen – auf zeitweise mehr als 0,7 Prozentpunkte gestiegen. So hoch lag die Risikoprämie zuletzt im Herbst 2012. Aber zu den Hochzeiten der Euro-Krise Anfang 2012 lag der Risikoaufschlag bei knapp 1,5 Prozentpunkten. Auch die Risikoprämien für italienische und niederländische Staatsbonds sind trotz Anstiegen noch weit von ihren Hochs entfernt.

Dennoch steigt die Gefahr eines Sieges von Le Pen. In einer hypothetischen Stichwahl gegen den bürgerlichen François Fillon, der mit Parlamentsgeld seine Familie finanziert hat, käme Le Pen inzwischen auf 42 Prozent der Stimmen. Ein Le-Pen-Sieg ist damit nicht mehr kategorisch ausgeschlossen.

Euro-Befürworter hoffen deshalb, dass sich im ersten Wahlgang der sozialliberale Emmanuel Macron durchsetzt. Er hätte deutlich bessere Chancen gegen Le Pen. Macron erklärt die gestiegenen Risikoaufschläge französischer Anleihen als „Überreaktion“ der Märkte. Die Märkte hatten den Brexit und den Sieg von Donald Trump in den USA nicht kommen sehen, jetzt wollten sie schneller sein als das nächste Beben. Aber Macron ist sich sicher: „Marine Le Pen gewinnt diese Wahl nicht, Frankreich scheidet nicht aus dem Euro aus, weil die Franzosen das nicht wollen.“

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

Kommentare zu " Populismus in Europa: Euro-Austritte als Horrorszenario für Anleger"

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  • Die "unendlich" Reichen haben doch ihr Geld nicht mehr in Europa und nicht mehr als EURO.
    Da gibt es die besten Anlagemöglichkeiten ab 1 Millionen € in cash.
    Fragen Sie mal die privaten Bankhäuser und deren privaten Beratern. Denen ist der Euro und Europa völlig gleichgültig. Der "kleine" Mann ist wieder der Verlierer. An erster Stelle natürlich die Deutschen. Schon den Ausspruch der amerikanischen Diplomatin vergessen: The stupid Germans.
    Die war allerdings lange v o r Trump.

  • Es ist interessant zu beobachten, dass über Währungsfragen in Deutschland meist philosophisch debattiert wird, am liebsten aufgrund alternativer Fakten.

    Wenn Leute darüber sprechen, die etwas davon verstehen, werden sie von CDU/CSU/SPD gleich in die radikale Faschistenecke geschoben.

    Es gibt eben viele Wege, Deutschland in eine Währungsreform zu manövrieren, man muss nicht einmal Krieg dafür führen.

    Die Briten sind da cleverer, die sitzen auf ihrer Insel und schauen grinsend zu.

  • @Edelgard Kah
    Die BRD hat uns den Wohlstand gebracht. Es war als die Liebe zur Nation, die noch selbstbestimmende Politik über unsere Volkswirtschaft. Das Wirtschaftswunder war nur im Rahmen des Deutschen Volk (Nation) möglich. Wer sein Land, sein Volk und seine Nation nicht liebt und nur Hass und Schande für das eigene Land (Nation) empfindet, der sollte sich mal fragen, was ist, wenn alle diesen Hass und dies Schande für Deutschland (Nation/Volk) nachdem Ende des 2. Weltkrieg empfunden hätten...kollektiver Selbstmord der Überlebenden, wäre hier einzig richtige Schlussfolgerung. Sage Sie es halt einfach, wie es ist, Fr. Edelgard Kah.

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