Protest gegen Überregulierung
Händler auf dem Jahrmarkt

Anleihevertreter wappnen sich gegen Überregulierung: Die vielen Vorschriften und Regeln sind den Mitgliedern der International Capital Market Organisation ein Dorn im Auge. Aktuell erregen die Transparenz-Anforderungen der neuen Mifid-Richtlinie ihren Unmut.

BERLIN. Es herrscht Jahrmarktstimmung im Innenhof des Kronguts Bornstedt in Potsdam, dem einstigen Landsitz der Preußischen Krone. Mit einem lauten Krach saust der Hammer beim „Hau’ den Lukas“ zu Boden, während ein historisches Karussell seine Runden dreht. „Ich hätte meine Kinder mitbringen sollen“, sagt ein erstaunt um sich blickender Anleihehändler. Wie die meisten Jahrmarktbesucher trägt er feinen Zwirn und ist Teilnehmer der Auftaktveranstaltung auf der diesjährigen Jahrestagung der International Capital Market Organisation (ICMA), die am vergangenen Freitag zu Ende ging. Über 300 Händler, Makler und Investmentbanker aus aller Welt kamen zum Branchentreff.

Die ICMA ist eine der ältesten und größten Kapitalmarktorganisationen der Welt und kümmert sich vorwiegend um die Belange des Anleihemarkts, um dessen Wachstum, seine Verflechtungen und seine Regulierung. Dabei steht die Lobby-Organisation vor allem für die freiwillige Selbstkontrolle. Diese war schon Hauptthema, als sich die Organisation beziehungsweise ihr Vorläuferinstitut 1969 gründete. Damals ging es auf dem Rentenmarkt tatsächlich noch wie auf dem Jahrmarkt zu: Es gab weder feste Regeln für die Einhaltung und Abwicklung von Lieferterminen noch standardisierte Verträge für den Abschluss von Geschäften. Die zunächst knapp 200 großen und kleinen Banken und Broker, die sich in der Organisation zusammengeschlossen hatten, dämmten diesen Wildwuchs ein und sorgten für klare Regeln.

Inzwischen treiben die ICMA ganz andere Fragen um. Nach dem vergnüglichen Auftakt in Potsdam ging es im Fünf-Sterne-Hotel Intercontinental in Berlin weiter. Dort drehten sich die Reden und Podiumsdiskussionen vor allem um eines: Die aus Sicht der ICMA drohende Überregulierung der Anleihemärkte von staatlicher Seite.

Die vielen Vorschriften und Regeln sind vielen Mitgliedern ein Dorn im Auge. „Wir arbeiten in 80 Ländern und haben es dabei mit 500 verschiedenen Aufsichtsbehörden zu tun“, erzählt Stuart Gulliver, Leiter des Investment-Bankings bei HSBC, bei einer Diskussion im Hotelsaal „Potsdam I“ und stößt dabei vielerorts auf verständnisvolles Kopfnicken.

Aktuell sieht ICMA-Chef René Karsenti die Umsetzung der ab November geplanten EU-Finanzmarktrichtlinie Mifid als wichtigstes Thema. Die Mifid regelt die Transparenz-Anforderungen für den Aktienhandel und soll den grenzüberschreitenden Wettbewerb mit Finanzdienstleistungen fördern. Bis Oktober will die EU-Kommission entscheiden, in welchem Umfang diese Anforderungen auch für Anleihen und Derivate gelten sollen. Dabei lassen sich gerade die Transparenzvorschriften nach Ansicht der ICMA nicht eins zu eins auf den Rentenmarkt übertragen. So werden allein in Europa jeden Tag Anleihen über 111,5 Milliarden Euro gehandelt und damit doppelt so viele wie Aktien an den Börsen.

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