Ratingagenturen
Bonitätsängste flammen auf

Der Warnschuss der Ratingagentur Standard & Poor?s (S&P) für Großbritannien erhitzt die Gemüter. Nachdem S&P am Donnerstag dem britischen Top-Rating "AAA" einen negativen Ausblick gegeben hat, kochen die Diskussionen hoch. Spekuliert wird darüber, ob auch andere große Industrienationen Gefahr laufen, ihr Spitzenrating einzubüßen.

FRANKFURT. Die Kurse britischer und amerikanischer Staatsanleihen kamen durch die S&P-Ankündigung unter Druck. Die Rendite zehnjähriger britischer Staatspapiere stieg um 0,14 auf 3,72 Prozent, die zehnjähriger US-Bonds kletterte noch deutlicher um 0,2 Prozentpunkte auf 3,39 Prozent.

"Letztendlich werden auch die USA ihr ?AAA?-Rating verlieren, aber nicht auf absehbare Zeit", sagte Bill Gross, einflussreicher Rentenfondsmanager bei der Allianz-Tochter Pimco dem Fernsehsender Bloomberg. In den nächsten Jahren könnte sowohl in Großbritannien als auch in den USA die Gesamtverschuldung auf 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen, warnte Gross. Eine solch hohe Verschuldungsrate ist auch nach Ansicht von S&P nicht mit einem Spitzenrating zu vereinbaren. So hatte die Ratingagentur Großbritannien unter anderem deshalb einen negativen Bonitätsausblick verpasst, weil sie fürchtet, dass die Schuldenquote auf der Insel bis 2013 von derzeit gut 53 auf 100 Prozent anziehen wird.

US-Finanzminister Timothy Geithner betonte in einem Interview mit Blick auf das US-Rating, wie wichtig es sei, die Verschuldung zu senken. Mit den Aussagen habe Geithner die Debatte um das "AAA"-Rating der USA noch weiter angefacht, urteilte Michael Rottmann, Leiter des Zins- und Währungsresearchs bei Unicredit. Auch bei anderen "AAA"-Staaten sieht Rottmann jetzt Ängste vor einer möglichen Herabstufung. Ähnliches prophezeien die Zinsstrategen von Barclays Capital. Ihrer Ansicht nach werden die Ratingagenturen geballte Änderungen vornehmen.

S&P gibt in dieser Hinsicht keine Entwarnung. "Wir beobachten auch unsere Länder-Ratings fortlaufend und schauen uns dabei sehr genau makroökonomische und fiskalische Trends an", sagte ein S&P-Sprecher. Wenn sich die Ansicht über die Kreditwürdigkeit eines Staates ändere, sei es "jederzeit möglich", das Rating oder den Ratingausblick anzupassen.

Im Januar hatten die Bonitätswächter von S&P schon einmal für Aufsehen gesorgt. Damals nahmen sie viele Industrieländer unter die Lupe und warnten vor Ratingherabstufungen. Ihre "AAA"-Ratings verloren später Spanien und Irland. Die Bonitätsnoten von Portugal und Spanien setzte S&P schließlich um jeweils eine Stufe auf Noten im Bereich Einfach-"A" herab.

Die stabilen Ratingausblicke für Länder mit Top-Bonität wie zum Beispiel die USA, Kanada, Deutschland und Frankreich bestätigte S&P damals ebenso wie den stabilen Ausblick für Großbritannien.

Im Januar hatte die Agentur für die britische Wirtschaft mittelfristig eine Schuldenquote von 75 Prozent vorausgesagt. Wegen der hohen Kosten für die Bankenrettungen und der Rezession erhöhte S&P die Prognosen jedoch. Auch die britische Regierung hat seither in ihrem Haushaltsentwurf schlechtere Zahlen vorgelegt.

S&P gibt Großbritannien indes noch Zeit. Eine Herabstufung droht erst, wenn die nächste britische Regierung keinen glaubwürdigen Plan zum Schuldenabbau vorlegt. Die Unterhauswahlen in Großbritannien finden spätestens im Mai 2010 statt. Die Wahrscheinlichkeit eines Rating-Downgrades beziffert S&P mit 30 Prozent. Pläne zur Haushaltkonsolidierung haben auch schon die Agenturen Moody?s und Fitch gefordert. Auf Anfrage bestätigten sie aber nach der S&P-Ankündigung, dass ihre Ausblicke für das "AAA"-Rating Großbritanniens stabil sind.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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