Rendite auf Rekordwert
Italiens Zinskosten schießen in die Höhe

Vor der Abstimmung über den italienischen Haushalt sinkt das Vertrauen der Anleger in das Land drastisch. Die Renditen für Staatsanleihen erreichen Rekorde. Und Vertreter der EZB drohen mit einem Ende der Anleihekäufe.
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Rom/MadridEinen Tag vor einer wichtigen Parlamentsabstimmung in Italien verliert das Land an den Finanzmärkten weiter an Vertrauen. Investoren trennten sich am Montag von italienischen Staatsanleihen. Der Kurs der zehnjährigen Papiere fiel auf 87,33 Prozent des Nennwertes. Die Renditen, die sich gegenläufig entwickelten, stiegen auf den höchsten Stand seit 1997. Italien muss Anlegern nun für zehnjährige Papiere eine Rendite von 6,60 Prozent bezahlen, ehe Gerüchte um einen bevorstehenden Rücktritt von Ministerpräsident Silvio Berlusconi eine leichte Gegenbewegung auslösten. Die Risikoaufschläge verglichen mit deutschen Staatsanleihen sind mit 484 Basispunkten so hoch wie noch nie seit Einführung des Euro.

Die Furcht der Anleger vor einem Zahlungsausfall Italiens zeigte sich auch am Markt für Kreditausfallversicherungen. Die Kosten zur Absicherung eines zehn Millionen Euro schweren Pakets italienischer Staatsanleihen per Credit Default Swap (CDS) verteuerte sich um 30.000 auf 520.000 Euro, teilte der Datenanbieter Markit mit. Auch der italienische Aktienindex FTSE MIB büßte am Morgen rund ein Prozent ein.

Unterdessen warnte EZB-Direktoriumsmitglied Jose Manuel Gonzalez-Paramo das hoch verschuldete Land, sich nicht zu sehr auf Schützenhilfe von der Europäischen Zentralbank (EZB) zu verlassen. Die EZB hat das Land in der Vergangenheit durch Käufe italienischer Staatsanleihen vor zu hohen Renditeaufschlägen bewahrt.

„Die Bank hat gehandelt, als es nötig war“, betonte Gonzalez-Paramo in einem Interview mit der spanischen Zeitung „El Pais“. „Die italienischen Probleme sind aber zunächst Sache der Italiener, und nur sie werden sie lösen.“ Auch der luxemburgische Notenbankpräsident Yves Mersch hatte der italienischen Tageszeitung La Stampa Ende vergangener Woche gesagt, es stehe der Europäischen Zentralbank frei, die Käufe italienischer Staatsanleihen zu beenden.

Wegen der hohen Schulden - sie liegen bei 120 Prozent der Wirtschaftsleistung - steht Italien seit Monaten im Visier der Finanzmärkte. Zuletzt hatte sich die Lage wieder deutlich zugespitzt. Die Rendite, die nach Beginn der Anleihekäufe der EZB zeitweise unter fünf Prozent gefallen war, eilt von Rekord zu Rekord.

Die Analysten von Goldman warnen vor einer "pessimistischen Dynamik", die letztlich letztlich Italiens Möglichkeiten zur Refinanzierung seiner Verbindlichkeiten einschränken könnte. Der Europa-Chefökonom der Ban, Huw R Pill, sieht Italien auf dem Weg in eine "tiefe Rezession".

Die unsichere politische Lage verstärkt das Misstrauen der Anleger. Der Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi droht das Aus. Beobachter gingen am Montag davon aus, dass der 75-Jährige bei einer zentralen Haushaltsabstimmung am Dienstag im Parlament in Rom keine Mehrheit bekommen wird. In italienischen Medien hieß es, die Zahl der Abweichler aus den eigenen Reihen sei so groß, dass sie zum Sturz der Regierung ausreiche. Berlusconi allerdings zeigte sich am Sonntag - wie gewohnt - siegesgewiss. „Wir haben die Zahlen gecheckt und wir haben eine Mehrheit“, hatte er gesagt. Am Montag machten allerdings Gerüchte die Runde, denen zufolge ein Rücktritt Berlusconis unmittelbar bevorstehe.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Rendite auf Rekordwert: Italiens Zinskosten schießen in die Höhe"

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  • Das wirkliche Problem: Alle delektieren sich an Berlusconi. Der Kerl taugt vielleicht wirklich nichts. Als Nicht-Italiener aber sage ich: Wer taugt denn sonst was in diesem herrlichen Land? Die Separtisten vom Schlage Bossi? Die Sozialisten? Die Faschisten? Die Kommunisten? Es ist ja gerade das Dilemma: Die anderen Parteien ziehen noch in viel geringerem Umfang wirtschaftlich-soziale Reformen durch. Geld wird vorzugsweise verschwendet oder landet gleich in dunkelen Kanälen. Italien taugt als Volkswirtschaft nichts. Leider!

  • Viele Italiener wissen nicht, wie es um ihr Land steht. Noch mehr als andere Politiker redet Berlusconi die Situation schön, statt seinen Landsleuten eine schmerzhafte Phase von "Blut, Schweiss und Tränen" anzukündigen. Die angekündigten Reförmchen, die immer wieder zurückgenommen werden, helfen nicht weiter.

  • @Investor: einfach mal das Land besuchen, da sehen Sie, daß da nix so ist wie es ein sollte. Eine Bürokratie, die nicht funktioniert, auf Eigeninteressen ausgerichtete Bürger, südlich von Rom nur noch öffentliche Bauruinen, die vom Einfluß der Mafia zeugen, wilde Müllkippen etc. Die Zahlen, die Sie haben, sind wertlos, die Realität ist anders. 7% Zinsen sind noch zu wenig für dieses Land. Und überhaupt: glauben Sie ernsthaft statistischen Zahlen, die italienischer Herkunft sind? Jaaa, jetzt wird es heißen, wie böse solche Aussagen sind. Neeee, sind sie nicht, meine Theses zu Griechenland waren im nachhinein sehr wohlwollend verglichen mit der jetzigen Realität...

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