Renditen der Staatsbonds sind dramatisch gestiegen – Experten streiten darüber, wie nachhaltig die Zinswende ist
Die Glanzzeiten der Anleihen sind vorbei

Im Rückblick ist es immer leicht zu urteilen. Als die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen Mitte Juni in den USA auf 3,07% und in Deutschland auf 3,43 % absackten, erwarteten viele Experten einen weiteren Rückgang. Einige Experten warnten seinerzeit indes vor dem Platzen der Kursblase auf der Zinsseite. Zurecht, wie sich herausstellte.

FRANKFURT/M. Seit den Tiefs sind die Renditen extrem gestiegen, und die Anleihekurse im Gegenzug eingebrochen. Die Renditerückgänge im Juni – getrieben durch Konjunkturpessimismus und Zinssenkungsfantasie waren übertrieben –, heißt es jetzt unisono.

Die Rendite zehnjähriger US- Staatsanleihen kletterte im Juli um fast einen vollen Prozentpunkt – das war der heftigste Renditeanstieg in einem Monat seit 1987. Inzwischen bringt sie wieder eine Rendite von 4,39 %. Die 2013 fällige Bundesanleihe rentiert wieder mit 4,21 %.

Auslöser für die Zinswende ist ein neuer Konjunkturoptimismus. „Dabei drohen die Märkte jedoch wieder zu übertreiben, diesmal in die andere Richtung“, meint Rainer Sartoris, Rentenanalyst bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. So schnellten die Renditen am vergangenen Donnerstag nach oben, als die Zahlen für das Wachstum des US-Bruttoinlandsprodukts für das zweite Quartal mit 2,4 % deutlich über den Prognosen lagen. Üblicherweise reagieren die Märkte auf so lange zurückliegende Daten kaum. Außerdem war ein Großteil des Wachstums auf gestiegene Rüstungsausgaben der USA zurückzuführen.

Den überraschenden Einbruch des Verbrauchervertrauens am Vortag hatten die Märkte dagegen ignoriert. Konjunkturoptimismus ist prinzipiell schädlich für Anleihen, weil Investoren ihr Geld in Boom-Zeiten eher in gewinnversprechendere Aktien statt in sichere Bonds investieren. Dazu kommen derzeit wieder steigende Inflationserwartungen. Der Grund: Anleger gehen davon aus, dass die extrem lockere US-Geldpolitik und die enorm hohen Staatsausgaben die Konjunktur zumindest kurzfristig ankurbeln werden. Dadurch könnte der Preisdruck zunehmen.

Diese Woche dürfte es an den Bondmärkten bei leicht sinkenden Renditen ruhiger zugehen, da nur wenige Konjunkturdaten anstehen. Auch hier sind Experten einig. Wie es mittelfristig weitergeht, ist aber strittig. Auf der einen Seite gibt es Stimmen, die von einer nachhaltigen Konjunkturerholung ausgehen. Zu den Optimisten gehört die US-Notenbank Federal Reserve, die für das nächste Jahr ein Wirtschaftswachstum von 3,75 bis 4,75 % erwartet. Ganz so rosig sieht Birgit Figge von der DZ Bank die Lage zwar nicht, aber auch sie geht davon aus, dass sich die Zeichen für einen Aufschwung mehren werden. „Vor allem die Investitionen der Unternehmen sollten langsam anziehen“, meint sie. Auf Sicht von zwölf Monaten rechnet sie damit, dass zehnjährige Staatsanleihen in den USA und Europa mit 5,30 bzw. 4,80 % rentieren werden.

Das sieht Sartoris von HSBC ganz anders. Er glaubt, dass die Renditen diesseits und jenseits des Atlantiks in zwölf Monaten wieder auf etwa 3,50 % sinken werden. „Unternehmen werden weiter ihre Schulden abbauen, statt massiv zu investieren“, sagt er. Zudem würden die privaten Haushalte mehr sparen, und allein die Ausgaben des Staates könnten den Aufschwung nicht tragen. Auch Michael Rottmann, Leiter des Zins- und Währungsresearchs bei der Hypo-Vereinsbank sieht die Wirtschaft vor allem durch die staatliche Fiskalpolitik getrieben. Selbsttragend sei der Aufschwung noch nicht. Die Steuersenkungen in den USA sollten aber die Stimmung der Verbraucher bessern. Rottmann geht davon aus, dass Staatsanleihen im August nächsten Jahres in etwa auf dem Niveau von heute rentieren werden.

In einem sind sich die Experten aber wiederum einig. So dramatisch wie zuletzt im Aktienboomjahr 1999, als die zehnjährigen Kapitalmarktzinsen von Jahresanfang bis Ende in den USA und Deutschland um jeweils knapp 2 Prozentpunkte auf 6,6 % bzw. 5,6 % sprangen, wird die Zinswende nicht ausfallen.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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