Rentenmarkt
Anleger geben Schuldenländern eine Chance

Die Verhandlungen des Verfassungsgerichts sorgen für Bewegung am Anleihemarkt. Anleger zeigen wieder zaghaft Vertrauen, die Renditen für Staatsanleihen Italiens und Spaniens fielen wieder. Der Euro zog an.
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FrankfurtAnleger am Rentenmarkt haben wieder etwas Vertrauen in die Staatsanleihen der Euro-Sorgenkinder Spanien und Italien gefasst. Die Kurse der zehnjährigen Papiere stiegen, entsprechend fielen die Renditen und entfernten sich im Falle von Spanien wieder von der kritischen Sieben-Prozent-Marke. Bewegung kam vor allem durch Spekulationen rund um die Verhandlungen des Bundesverfassungsgerichts in den Markt. Die Juristen müssen über die Verfassungsmäßigkeit des neuen EU-Fiskalpakts und des Euro-Rettungsschirms ESM entscheiden.

Mit einem Ergebnis wird zwar erst in einigen Wochen gerechnet, aber aus London wurden Gerüchte kolportiert, das Bundesverfassungsgericht habe die Euro-Rettungsinstrumente bereits durchgewunken. "Wir tapsen hier ziemlich im Dunkeln", sagte ein Marktexperte in Frankfurt. Der Euro legte in Reaktion auf die Spekulationen ebenfalls zu und notierte mit bis zu 1,2333 Dollar zeitweise leicht über seinem Vortagesschluss.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der an der mündlichen Verhandlung teilnahm, erklärte, eine deutliche Verschiebung der Gesetze könnte weit über Deutschland hinaus für "erhebliche weitere Verunsicherung an den Märkten" führen. Er rief das Gericht zu einer raschen Entscheidung auf.

Sollte die Verfassungsmäßigkeit des Fiskalpakts und des ESM allerdings infrage gestellt werden, könnte der Euro schnell in Richtung 1,19 Dollar fallen, prognostizierte Torsten Gellert von FXCM. Die Gemeinschaftswährung ist mit 1,2255 Dollar zuletzt bereits auf ein Zwei-Jahres-Tief gefallen.

Relativ unbeeindruckt zeigten sich die Marktteilnehmer vom Treffen der Euro-Finanzminister. Die Politiker hatten sich in der Nacht zum Dienstag auf die Eckpunkte der Finanzhilfen für den angeschlagenen spanischen Bankensektor geeinigt. Wenn das Paket am 20. Juli endgültig beschlossen wird, soll eine erste Tranche von 30 Milliarden Euro fließen. Aufgrund der sich zuspitzenden Bankenkrise waren die Renditen spanischer Anleihen Mitte Juni auf ein Rekordhoch von 7,3 Prozent gestiegen. Am Dienstag lagen sie bei 6,844 Prozent nach 7,063 Prozent im Vortagesgeschäft. Ihre italienischen Pendants wurden mit 5,942 Prozent verzinst (Montag: 6,097 Prozent). "Schlussendlich hat das Treffen der Eurogruppe kaum Neuerungen hervorgebracht, hat aber damit die Erwartungen weitgehend erfüllt", urteilten die Analysten der Commerzbank.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Wirkung und Ursache können leicht verwechselt werden.
    Es ist offensichtlich dass bei einer Verzinsung von 6% bis 7% oder mehr, Länder die jetzt schon eine schwache Wirtschaft haben, gerade wegen der enormen Zinsbelastung, kaum eine Chance haben aus der Schuldenfalle raus zukommen.
    Das ist eine Feststellung und jeder halbwegs in Mathematik gewanderter Mensch wird es zugeben.
    Was nutzt "Druck" wenn die Tube leer ist.
    Zumutbare Hauthalsdisziplin muss, darf und kann nur durch Kontrolle und nicht durch Kapitalentzug erreicht werden (hier die Betonung auf „zumutbare“).

  • Der Morgenthau-Plan oder warum Europa verblutet.
    Die Euro- und EU-Verträge, von der deutsch-französische Achse entworfen und durchgesetzt, führen zu eine Art Morgenthau-Plan für die Peripherieländer der Währungsunion.
    Die wirtschaftlich schwache Euro-Länder werden, weil ihre Wirtschaft gegen die stärkere Wirtschaften nicht geschützt ist, immer schwächer. Dies führt dazu dass vielen jungen und gut ausgebildete Menschen aus diesen Länder keine andere Alternative bleibt als Europa den Rücken zu kehren und ihr Glück auf andere Kontinente zu suchen.
    Diese Hämorrhagie ist nicht nur eine menschliche Tragödie aber auch wirtschaftlich nachteilig für Europa. Der relativ harte Euro (im Vergleich zu Drachme, Lira usw.) erschwert diesen Ländern Exporte und bremst Importe nicht ab. Folge: Wirtschaftlicher Niedergang. Der führt dann zu geringeren Staatseinnahmen, die wiederum zu einer höheren Verschuldung, die wiederum zu höheren Zinsen für das Land und seine Wirtschaft.
    Niemand soll sagen, dass diese Dinge nicht absehbar gewesen seien - dass ist Ökonomie-Grundstudiums-Wissen.
    Was Europa braucht sind Vertragsänderungen die zu einer Wirtschaftskonvergenz innerhalb der Währungsunion führen und zu einer horizontalen Arbeitsteilung, Vertragsänderungen die den natürlichen Standortsnachteile der Peripherieländer entgegen wirken.

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