Risiken werden ignoriert
Osteuropa-Anleihen: Nur für Zocker

Osteuropa ist noch lange nicht über den Berg, doch Anleihekäufer blenden die Risiken offenbar aus. Die Kurse der Euro- und Dollar-Anleihen osteuropäischer Länder sind in den vergangenen Wochen nochmals deutlich gestiegen und ihre Renditen und Risikoprämien im Gegenzug gesunken.

FRANKFURT. "Investoren sind auf der Suche nach Anleihen mit Rendite-Pick-up und differenzieren dabei kaum noch zwischen den einzelnen Staaten", sagt Torsten Hähn, der bei der WGZ Bank Schwellenländer-Anleihen analysiert.

Investoren verließen sich offenbar darauf, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) auch künftig einspringen wird, um Staaten vor einem Bankrott zu bewahren, meint Hähn. "Seit die G20-Staaten Anfang April beschlossen haben, dem IWF zusätzlich über 500 Mrd. Dollar zur Unterstützung der Entwicklungsländer zur Verfügung zu stellen, ist der Druck auf die Kurse der Anleihen osteuropäischer Länder stark gesunken", sagt auch Daria Orlova, Osteuropa-Expertin bei der Dekabank. Zudem sei die Nachfrage nach den Bonds der Region gestiegen, weil inzwischen an allen Finanzmärkten die Gefahr einer weltweiten wirtschaftlichen Depression kaum eine Rolle mehr spiele.

Die durchschnittlichen Renditeabstände von Euro-Anleihen in Osteuropa haben sich seit ihrem Hoch Anfang März auf jetzt 2,4 Prozentpunkte fast halbiert. Dass dies gerechtfertigt ist, darf bezweifelt werden. Auf die osteuropäischen Länder kämen die ganz großen Herausforderungen erst noch zu, warnte in dieser Woche der Chef der europäischen Entwicklungsbank Thomas Mirow. Das Hauptproblem besteht darin, dass die Region von Kapitalzuflüssen ausländischer Investoren und den Ausfuhren nach Westeuropa abhängig ist. Kapitalmangel und Exporteinbrüche bremsen jetzt massiv die Realwirtschaft in Osteuropa. Die meisten Staaten haben ihre Wachstumsaussichten für dieses Jahr erneut deutlich gesenkt.

Ohne Hilfen des IWF wären Länder wie die Ukraine, Ungarn und Lettland nach Ansicht von Experten längst pleite. Ungarn war das erste Land, das im Herbst vom IWF und der EU gestützt wurde. Internationale Hilfsgelder flossen auch an Serbien und Rumänien, andere Länder verhandeln noch über Hilfen.

Für besonders ungerechtfertigt hält Hähn von der WGZ Bank die Renditerückgänge der Bonds aus der Ukraine und dem Baltikum. So hat die ukrainische Währung in den vergangenen zwölf Monaten über 40 Prozent ihres Wertes zu Dollar und Euro verloren, die Wirtschaftsleistung ist eingebrochen und die Staatsfinanzen verschlechtern sich drastisch. Standard & Poor?s (S&P) sieht die Ukraine mit dem siebtschlechtesten Rating "CCC+" in direkter Gefahr eines Zahlungsausfalls. Weitere Kredite des IWF fließen nur, wenn das Land Reformen wie etwa im Finanzsektor umsetzt.

Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sind unter den EU-Mitgliedern am schwersten von der Rezession betroffen. Ihr Wachstum in den Boomjahren haben sie zum Großteil über Schulden finanziert. S&P senkte diese Woche die Bonitätsnoten von Lettland und Estland und prüft eine Herabstufung des litauischen Ratings. Trotzdem findet die Landesbank Berlin Litauen-Bonds attraktiv. Im Zweifelsfall werde die EU das Land stützen.

Hähn dagegen hält unter den riskanten osteuropäischen Anleihen am ehesten Papiere aus Ungarn für vertretbar, wobei auch dort die Renditen deutlich gesunken sind. "Die ungarische Regierung hat ein stringentes Sparprogramm vorgelegt und sich bisher als Musterschüler unter den IWF-Hilfsempfängern erwiesen", meint auch Orlova von der Dekabank. Als die wirtschaftlich stabilsten Länder sieht sie Tschechien und Polen an. Deren Anleihen werfen aber auch nur noch wenig Rendite ab.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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