Schuldenkrise Fast alle wollen die EZB anzapfen

Die Europäische Zentralbank soll es richten und Anleihen der Schuldenstaaten aufkaufen. Das wünschen sich jetzt auch die Franzosen für ihr eigenes Land. Doch der deutsche Wirtschaftsweise Franz warnt genau davor.
Update: 16.11.2011 - 18:36 Uhr 77 Kommentare
Melken an einem künstlichen Euter: Wenn es so einfach wäre, die EZB anzuzapfen... Quelle: dpa

Melken an einem künstlichen Euter: Wenn es so einfach wäre, die EZB anzuzapfen...

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Rom, MailandDie Europäische Zentralbank gerät in der Schuldenkrise immer stärker in die Rolle der Krisenfeuerwehr. Nach Aussage von Händlern hat sie am Mittwoch erneut Anleihen von Italien und Spanien aufgekauft. „Sie greift massiv bei zwei- und zehnjährige Anleihen zu“, sagte ein Händler. Doch kaum haben die Hüter des Euro die hohen Zinsen etwas gedrückt, kommen neue Forderungen auf sie zu.

Eine französische Regierungssprecherin sagte, sie vertraue darauf, dass die EZB alle für die Finanzstabilität der Euro-Zone nötigen Maßnahmen ergreifen werde. Etwas konkreter wurde sie im nächsten Satz: „Wir denken, dass der Risikoaufschlag französischer Anleihen gegenüber deutschen nicht gerechtfertigt ist.“ Der eine oder andere dürfte das als indirekte Aufforderung verstehen: im Ernstfall soll die EZB auch französische Staatsanleihen aufkaufen.

Genau davor warnt der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz. Die „Monetarisierung von Staatsschulden“ gehöre zu den „Todsünden einer Zentralbank“, sagte Franz der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung fürchtet, die EZB könne ihre Unabhängigkeit verlieren, wenn sie als „Geldgeber der letzten Instanz“ für überschuldete Staaten einspringe.

Der Sachverständigenrat hatte in seinem jüngsten Gutachten vorgeschlagen, einen Teil der europäischen Schulden in einen gemeinschaftlichen Topf mit gemeinsamer Haftung zu legen.

Ganz anders hört sich das auf Seiten der französischen Regierung an. Der französische Finanzminister Francois Baroin sagte: "Wir begrüßen die Anstrengungen aller europäischen Institutionen, einschließlich der EZB, die besten Antworten auf diese Krise zu geben". Die Zeitung Les Echos zitierte ihn außerdem mit den Worten: "Die Zentralbank, deren Unabhängigkeit ich betone, hat klar gemacht, dass sie im Ernstfall zur Stelle sein wird."

Damit liegt Franreich im direkten Widerspruch zu Deutschland. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sprach sich vehement gegen einen massiven Schuldenaufkauf durch die EZB aus. „Die fundamentalen Probleme sind neben einem Mangel an Regulierung der Finanzmärkte, die wir schrittweise beheben, dass wir ein Übermaß an Staatsverschuldung haben“, sagte der CDU-Politiker bei einem Besuch des irischen Ministerpräsidenten Enda Kenny in Berlin. Das könne vielleicht in den USA mit dem Einsatz der Notenbank Fed noch für einige Zeit überbrückt werden. „In Europa wird das nicht funktionieren“, mahnte Schäuble.

Das wäre eine falsche Lösung, mit der man nur kurz Zeit gewinne, dafür aber später einen höheren Preis zahle. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zuvor abgelehnt, dass sich die EZB beim Ankauf von Staatsanleihen angeschlagener Eurostaaten stärker engagiert. Dies sei nach den bestehenden Verträgen nicht möglich. Beide mahnten, dass man statt einer Politik des lockeren Geldes endlich die Strukturprobleme angehen müsse.

Die irische Regierungschef Kenny forderte wiederum, dass die EZB sehr wohl als letzte Hilfe einspringen müsse. Die Eurozone brauche eine ausreichenden „Feuerkraft“. Allerdings dürfe dies nicht geschehen, ohne dass man Bedingungen stelle und durchsetze, mahnte auch Kenny.

Der Marktzins für zehnjährige französische Anleihen liegt derzeit fast zwei Prozentpunkte höher als die Rendite für vergleichbare deutsche Papiere. Noch ernster ist die Lage in Italien. Die Rendite der italienischen Bonds fiel nach den EZB-Käufen zwar vorübergehend unter die Sieben-Prozent-Marke, die allgemein als Obergrenze für eine auf Dauer tragfähige Refinanzierung über die Kapitalmärkte gilt. Doch die Krisenhilfe verpuffte bereits am Mittag, die Rendite stieg wieder auf sieben Prozent stieg.

Das hoch verschuldete Italien versucht unter dem designierten Ministerpräsidenten und Finanzfachmann Mario Monti derzeit einen politischen Neuanfang nach der von Affären überschatteten Ära des früheren Regierungschefs Silvio Berlusconi. Der Schritt konnte die wegen der Euro-Krise nachhaltig verunsicherten Märkte jedoch nicht nachhaltig stabilisieren. Am Dienstag kam es sogar zu einem wahren Ausverkauf an den Anleihemärkten, der auch Kernstaaten der Euro-Zone wie Frankreich und Österreich traf.

Die Experten der Großbank RBS sehen nur noch ein Mittel, um die Krise nachhaltig zu entschärfen. Sie plädieren für eine Fiskal-Union und die Aufgabe des Widerstands der nordeuropäischen Staaten gegen Eingriffsmöglichkeiten der EZB: „Bis dahin scheint Europa schutzlos gegen die „Angriffe' auf die Staatsanleihen - gleichgültig, ob sie spekulativ oder fundamental gerechtfertigt sind.“

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77 Kommentare zu "Schuldenkrise: Alle wollen die EZB melken - Wirtschaftsweiser warnt"

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  • Die für Deutschland relevante Frage ist: Kann die Bundeskanzlerin ihren Diensteid halten? Die Schulden in der EU / Eurozone sind national enstanden. Sie müssen national abgebaut werden.

  • eher mit
    USA und U.K..
    ... nur: ohne Handelsbilanzdefizit.


    und was passiert, wenn die EZB "es nicht tut"?

  • Wenn die EZB das tut, dann ist der Ruf vollständig ruiniert. Dann steht man auf Augenhöhe mit Zimbabwe...

  • Irgendwann gehören alle Banken der EZB und dann?

  • Es ist eine Frechheit wie die Griechen mit der Krise umgehen. Man verlässt sich auf Geld (das wir nie wieder sehen) und geht tätlich streiken.

    Die Griechen sollten sich ein Beispiel in Irland nehmen. Dort hat man alle akzeptiert. Die Iren haben Stolz bewiesen, aber nicht die Griechen. Diese Gestreike ist absolut erbärmlich; das ist meine Meinung.

    Die griechischen Gewekschaften haben letztlich das Land ruiniert, bravo. Mit meinen Steuergeldern möchte ich das letzte sozialistische Land Europas nicht stützen.

    Weiter Rettungsgelder dürfen ausserdem nur fließen, wenn Griechenland die 200 Milliarden Schwarzgelder, die auf schweizer Konten liegen zurückholt.

    Das ist alles so unsäglich!

  • Es ist skandalös, dass die PIIGS anstatt die Reformen anzugehen, nach der EZB rufen. Aber das Geschreie kommt ja ursprünglich von ganz woanders, nämlich aus USA, GB & China. Keiner von denen will tatsächlich, dass auch nur irgendein Land Reformen angeht. Alle wollen, dass das muntere Schuldenmachen weiter geht UND am besten auf Kosten von Ländern wie Deutschland.

    Ich sage: Solange die PIIGS und auch Frankreich keinerlei Reformanstrngungen zeigen, DARF die EZB auf keinen Fall den Euroretter spielen. Was wir in USA sehen ist doch fatal. Die USA hat sich mit dieser Geldpolitik selbst amputiert, das Land ist komplett deindustrialisiert.

    Italien und Frankreich haben das Potential das - ander als die Amis und Engländer - richtig zu machen: Macht es ENDLICH!!!!

    Einzige Möglichkeit: Es muss festgelegt werden, ab welchen Reformen (Lohnpolitik, Staatsquote, etc.) ein Land in den Genuss einer dann durchaus von der EZB fixierten Refinanzierungsrate kommen darf. Da müssen genaue und strengstens überprüfbare Bedingungen formuliert werden. Sonst sehe ich schwarz.

    Man hat in Italien und Frankreich die Lage noch nicht begriffen. Die EZB kann die nötigen Reformen nicht unsichtbar machen.

  • Nachdem die BRD im letzten Jahr die letzte Reparationszahlung geleistet hatte, steht einer Öffnung ihrer Schatulle für notleidende EU-Staaten wohl nichts mehr im Wege.

    Wir werden zahlen, so wie wir immer gezahlt haben: pünktlich und stumm.

  • Habe den grösseren Teil bereits unter der Matraze. Möchte in den kommenden Wochen nicht in langen Reihen vor der BANK stehen, bzw. vor dem Hinweis am Bankeneingang, bis auf weiteres GESCHLOSSEN.

    Kommt der Run auf die Banken und der ist unausweichlich, fällt das Kartenhaus!!

    Banken können nur 2 % des Anlagevermögens der Kunden auszahlen, dann mussen Sie schliessen, - daher, wer zu erst kommt mahlt zuerst!!

  • Citigroup-Volkswirt sieht das Risiko einer Staatspleite für Spanien und Italien innerhalb von Monaten

    vor 34 Min (18:56) - Echtzeitnachricht

    Slowenien muß auch inzwischen über 7% Zins anbieten.

    Für Frankreich, Österreich und die Niederlande steigen die Anleiherenditen jetzt kräftig.

    Unser Freund Juncker betont heute seine Besorgnis über die Deutsche Verschuldung,die höher sei, als in Spanien, über die aber keiner rede. (WAS soll das ???)

    Der "Markt" konstatiert, daß die Krise in den Kernländern angekommen sei....


    alles klar?

  • Ihr wolltet sie, CDU/SPD und die anderen Einheitsparteien. Von Basisdemokratie keine Spur, Stichwort "Fraktionszwang". Jetzt zahlt auch die Rechnung!

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