Schuldenkrise

Eurobonds sind besser als ihr Ruf

Gemeinsame Anleihen der Euro-Länder sind kein Allheilmittel in der Schuldenkrise. Das Problem ist: Kaum jemand sagt klar, was er sich unter Eurobonds vorstellt. Dabei hätten die Papiere durchaus Vorteile. Eine Analyse.
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Eine Europaflagge flattert im Wind. Die Schuldenkrise in Südeuropa lastet schwer auf der EU. Quelle: dpa

Eine Europaflagge flattert im Wind. Die Schuldenkrise in Südeuropa lastet schwer auf der EU.

(Foto: dpa)

FrankfurtDie Schar der Anhänger von Anleihen, die alle Euro-Staaten gemeinsam begeben, wird größer. Das Europaparlament will sie, die EU-Kommission hat eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, und auch die deutsche Opposition steht dahinter. Gleichzeitig wehren sich die Gegner immer vehementer gegen die Einführung von Eurobonds, in Deutschland drohen Teile der FDP gar mit einem Bruch der Regierungskoalition, falls die CDU sich den Eurobond-Fans anschließt.

Klar ist dabei: Eurobonds sind kein allein selig machender Weg, und sie können auch nicht von heute auf morgen eingeführt werden. Sie können aber die Eurozone stabilisieren und verhindern, dass künftige Krisen so ausufern wie die derzeitige.

Andrea Cünnen ist Korrespondentin in  Frankfurt. Quelle: Pablo Castagnola

Andrea Cünnen ist Korrespondentin in  Frankfurt.

(Foto: Pablo Castagnola)

Das Problem ist, dass  kaum jemand klar sagt, was er sich unter Eurobonds vorstellt. Viele Befürworter betonen, dass dies der einzig gangbare Weg zur Lösung der Schuldenkrise der Euro-Randländer sei. Die Gegner befürchten rasant steigende Zinskosten für Deutschland und mangelnde Anreize der Schuldensünder zur Haushaltsdisziplin.

Letzteres Argument zieht schon einmal nicht, denn niemand will, dass alle Länder ihren kompletten Finanzierungsbedarf über die gemeinsamen Anleihen decken. Im Gegenteil: Laut dem gut ein Jahr alten Vorschlag des Brüsseler Forschungsinstituts Bruegel – Grundlage der Diskussionen – sollen die Staaten nur einen Teil ihrer Schulden über gemeinsame Anleihen refinanzieren. Die Bruegel-Forscher nennen diese Anleihen „Blue Bonds“, die für eine Gesamtverschuldung für bis zu 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der jeweiligen Länder stehen. Dies entspricht der Höchstgrenze des Maastricht-Vertrags für Euro-Mitglieder.

Den Rest ihres Finanzbedarfs müssten die Länder in alleiniger Verantwortung über sogenannte „Red Bonds“ decken und wären deshalb weiterhin aus Eigeninteresse an solider Haushaltspolitik interessiert. Für diese Anleihen soll es von vornherein Umschuldungsklauseln und keine internationale Haftung geben. Zudem dürften Banken diese Bonds nicht bei der Europäischen Zentralbank (EZB) als Sicherheit einreichen und müssten sie mit höherem Eigenkapital unterlegen. Ein Ausfall dieser Anleihen könnte somit keine systemische Krise im Finanzsystem auslösen. Gerade diese Red Bonds ließen sich indes derzeit für schwache Länder nicht einführen. Allenfalls ginge dies mit einem Abschlag, also einer Umschuldung.

Die Rettungspakete könnten kleiner ausfallen.
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82 Kommentare zu "Schuldenkrise: Eurobonds sind besser als ihr Ruf"

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  • "Über ihre Verhältnisse gelebt" das ist eine fiese Unterstellung die eigentlich vom echtem Problèm ablenken und die das Hungern als moralische Pflicht erscheinen lassen soll.
    Man kan über seiner Verhältnisse und trotzdem unter seiner Bedürfnisse leben. Viele tun das auch, sie sind überschuldet und haben trotzdem kaum genug Geld um sich Kleider oder Lebensmittel für sich selbst und die Kinder zu kaufen.
    Also bitte, lassen Sie diesen blöder Ausdruck weg.

  • Umgerechnet heisst das also jedes Jahr knapp 1 % MWSt.-Erhöhung bei uns - super. Und was soll sich da wesentlich für die Schuldnerstaaten verbessern? Alle Bonds über den 60% kosten dann entsprechend mehr Zinsen, 10%-20%?

    Wie lange wird es wohl dauern, bis diese Grenze aufgehoben wird? Siehe Non-Bailoutklauseln und das Verhalten der EZB?

  • Dem kann ich mich nur Aanschließen. Durch die Regeln der EURO-Bonds werden lediglich die alten Lügen durch neue Lügen ergänzt.

    Weder EZB noch die Mitgliedsstaaten halten sich an die in den Verträgen festgelegten Regeln.

    Rechtsbruch ohne Ende! Das Lügengebäude der EZB wird zusammenbrechen!

  • Zitat:"Die Bruegel-Forscher nennen diese Anleihen „Blue Bonds“, die für eine Gesamtverschuldung für bis zu 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der jeweiligen Länder stehen"

    Und dann wird wieder betrogen (wie PIGS halt so sind) und schnell sind aus 60% in Wirklichkeit 600% und was dann?

  • Die gleiche Propagandamaschine wie schon mal ("Der Euro schafft Arbeitsplätze", siehe Spanien)läuft wieder an.
    Gegen jeden gesunden Menschenverstand.
    Das ist Brainwashing!

  • Der Artikel ist ein alarmierendes Dokument der Ahnungslo-sigkeit, und das im Handelsblatt! Die Staaten bezahlen doch heute schon nicht den Kapitaldienst, sondern nehmen dafür neue Schulden auf, deshalb die Schuldenspirale. Wenn es nun darum geht, blaue oder rote Bonds zu bedienen, welche werden wohl als erstes bedient werden? Eben. Wären die roten Bonds nämlich nachrangig, würde kein Mensch sie haben wollen, und wie wollen dann Italien, Belgien, Irland, Portugal, Griechenland - und bald darauf auch Frankreich und Deutschland - ihre restlichen Staats-schulden finanzieren? Klartext: die 60%-Grenze würde schneller fallen, als die Autorin blinzeln kann...

  • Hanebüchen der Vorschlag, Eurobonds(auch bis 60% des
    Bruttoinlandsprodukts) einzuführen. Der Vorschlag ist überhaupt nicht zu Ende gedacht.

  • Das Problem der Eurobonds liegt darin, daß sie die Privatbanken weitgehend ausschalten. Genaugenommen geht es für die Gegner nur um ihren Profit, den sie zur Zeit mit staatlichen Anleihen erzielen. Und da zumindest die aktuelle Regierung sehr eng mit der Finanzwirtschaft verzahnt ist, ist sind Merkel und Co. natürlich um das Wohl ihrer Klientel besorgt.
    Aber Frau Merkel wird sich so lange gegen jede vernünftige Lösung wehren, bis alle europäischen Wirtschaften durch Sparpakete, Schuldenbremsen und überteuerte Kredite in Existenznot geraten. Erst wenn wir keine Waren mehr an unsere Nachbarn liefern können, weil diese durch gegen sie gerichtete Spekulationskriege schlicht und einfach kein Geld haben, dann werden vielleicht einige in Berlin aufwachen. Aber dann kann es zu spät sein.

    Ich kann nicht verstehen, daß unsere Politiker nicht aus den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts gelernt haben. Müssen wir unbedingt jeden Fehler widerholen? Müssen wir das Risiko eingehen, daß extremistische Parteien die Oberhand gewinnen und die Welt vielleicht wieder in einen neuen Krieg treiben?

  • Eurobonds (Schnaps)- das war Europas letztes Wort, da trug den Euro, die Englein fort :-) Nach der Rentenmark, Reichsmark, DDR und DM werden die von den Bankern gesteuerten Politiker auch den Euro kaputt machen. Mal sehen wie die neue Währung heißen wird. Meine Währung heißt Goldmünzen. Die kann man in jede andere Währung tauschen wenn Deutschland pleite ist und es den Euro nicht mehr gibt.

  • EURO - BONDS wird es erst einmal NICHT geben.

    Vielleicht in ferner Zukunft, wenn eine Harmonisierung der Haushalte im Euroraum der 17 Länder stattgefunden hat.

    So die Pressekonferenz soeben in Paris

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