Schuldenschnitt: Das verrückte griechische Wertpapier

Schuldenschnitt
Das verrückte griechische Wertpapier

Wer beim griechischen Schuldenschnitt mitmacht, erhält nicht nur frische Staatsanleihen. Die Anleger erhalten auch ein Wertpapier, das Geld in Abhängigkeit vom griechischen Wachstum bringt. Die verrückte Konstruktion.
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DüsseldorfNicht nur Kleinanleger mit griechischen Staatsanleihen beschäftigt derzeit die Frage, ob sie das Angebot des Anleihentauschs der Athener Regierung zustimmen sollen. Auch Großinvestoren analysieren die Details der über das Wochenende vorgelegten Offerte. Um Bedenkzeit zu gewährleisten war zumindest die im März auslaufende Staatsanleihe deshalb heute vom Handel ausgesetzt. Neben 30-jährigen frischen Staatsanleihen sollen die am Schuldenschnitt teilnehmenden Anleger auch ein Papier erhalten, dessen Wert sich am Wachstum der griechischen Volkswirtschaft orientieren wird.

Dieses Wertpapier soll eine jährliche Zinszahlung (Kupon) von bis zu einem Prozent auf den Nennwert ausschütten. Die ersten Zahlung könnte im Jahr 2015 für das Jahr 2014 erfolgen. Doch Analysten sind skeptisch, dass dies tatsächlich sobald geschehen wird, da die Zahlungsbedingungen sowohl an das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) als auch den realen Zuwachs geknüpft wind. „Wir gehen davon aus, dass diese beiden Ziele zusammen nicht vor 2020 erreicht werden“, schreiben etwa die Analysten der DZ Bank.

Handelsblatt Online hat sich die Bedingungen im Detail angeschaut. Die Auszahlung für das erste relevante Jahr 2014 würde es am 15. Oktober 2015 geben. Bezugsgröße für die Berechnung ist das bis dahin von der europäischen Statistikbehörde Eurostat veröffentlichte BIP für Griechenland. Spätere Revisionen finden keine Berücksichtigung. Die letzte Zahlung kann es im Jahr 2042 für das Jahr 2041 geben.

Die Auszahlung errechnet sich wie folgt:

[Nominales BIP - nominaler BIP-Referenzwert] - realem BIP-Referenzwert) x 1,5 = Y
Sollte Y den Wert „1%“ überschreiten, gilt Y=1%
Auszahlung für jeweils 100 Euro Nennwert des Papiers = 100 x Y

Maximal werden also 1 Euro je 100 Euro Nennwert ausgeschüttet.

Die Wachstumsrate berechnet sich aus dem nominalen BIP im betreffenden Jahr im Vergleich zu nominalen Referenz-BIP-Werten aus dem Wertpapieremissionsprospekt. Aus den (auf der nächsten Seite angefügten) nominalen und realen BIP-Referenzwerten für 2014 leitet sich folgendes Beispiel ab:

Das nominale BIP im Jahr 2014 muss mindestens 215,03 Milliarden Euro betragen, damit es eine Zahlung auf die Papiere gibt. Ab einem nominalen BIP-Wert von 217,13 Milliarden Euro im Jahr 2014 gibt es für dieses Jahr die maximale Zahlung von einem Euro pro 100 Euro Nennwert.
Zur Erinnerung: Das nominale BIP Griechenlands hat im Jahr 2010 laut den jüngsten Zahlen von Eurostat 230 Milliarden Euro betragen, ist im vergangenen Jahr aber deutlich geschrumpft. Bei einem angenommenen Minus von sieben Prozent hat das nominale BIP 2011 etwa 214 Milliarden Euro betragen.

Dennoch: „Der vorgesehene reale Zuwachs der gesamtwirtschaftlichen Leistung in Höhe von 2% ab 2020 erscheint unseres Erachtens sehr ambitioniert“, so die DZ Bank. Daher sei von einer „durchschnittlichen Auszahlung von 0,6% bis 2042“ auszugehen. Jean Lemierre, Anleihen-Experte der BNP Paribas und einer der Verhandlungsführer für den Schuldenschnitt, riet Anlegern gegenüber der Nachrichtenagentur Dow Jones: „Halten sie an dem Papier fest, legen sie es in eine Kiste, schmeißen sie es auf keinen Fall weg.“ Denn solche Papiere hätten sich beispielsweise bei der Umschuldung Argentiniens als lukrativ erwiesen.

Seite 1:

Das verrückte griechische Wertpapier

Seite 2:

Die Referenz-Werte für das BIP-Papier

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  • Sollte im Beispiel für das Jahr 2014 nicht ein Wachstum von 2,23% ausreichen, da 2,23% * 1,5 - 2,345% = 1,00%.
    Weitere Bedingung ist nur noch, das der nominalen BIP-Referenzwert von 210,1 Mrd überschritten wird.

  • Bulgarien zeigt Griechenland den Weg aus der Krise: Balkan ist eben nicht gleich Balkan.

  • Bulgariens Schuldenstand am BIP liegt momentan bei sagenhaften 16 % (nach fast 90 % vor 15 Jahren), viele griechische Firmen (mit inzwischen tausenden von Arbeitsplätzen) wandern schon seit Jahren nach Bulgarien ab - deutlich niedrigere Steuern als in Griechenland, (vergleichsweise) verlässlichere Verwaltung, gute Infrastruktur...noch Fragen...?

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