Schwellenländer
Anleger meiden riskante Anleihen

Die immense Verunsicherung internationaler Investoren trifft auch Staatsanleihen aus den Schwellenländern Osteuropas und Südamerikas. Zwar werden die Bonds anders als in früheren Krisen kaum von Hiobsbotschaften aus den Ländern selbst belastet. Dennoch fallen die Kurse auf breiter Front.

FRANKFURT. Die große Zurückhaltung der Investoren trifft die Anleihen von Schwellenländern mit voller Härte. Fachleute fürchten, dass die Kurse der Bonds weiter fallen werden. Selbst die auf harte Währungen wie Euro oder Dollar lautenden Anleihen von solideren Ländern aus Osteuropa, die nicht mehr wirklich als Schwellenländer gelten, leiden extrem.

"Dabei werden die Emerging-Market-Bonds kaum von Nachrichten aus den einzelnen Ländern belastet, sondern vielmehr durch die Finanz- und Bankenkrise und die Ängste vor einer allgemeinen Rezession", sagt Sergey Dergachev, Fondsmanager für Schwellenländeranleihen bei Union Investment. Dabei sei inzwischen - anders als noch vor Monaten - absehbar, dass auch das Wachstum in den Schwellenländern von einer Rezession der Industrienationen hart getroffen werde. Auch der drastisch gefallene Ölpreis trifft Rohstoffexportländer wie Russland, Venezuela und Malaysia.

Lediglich Nachrichten wie etwa die von der Verstaatlichung der Pensionskassen in Argentinien und die sich schon länger abzeichnende Weigerung Ecuadors, Zinsen auf Dollar-Anleihen zu zahlen, hätten auch in stärkerem Maße die Bonds der jeweiligen Länder belastet, meint Dergachev. Gerade durch Ecuador erwartet Thomas Gitzel von der Landesbank Baden-Württemberg aber noch weiteren Druck auf die Stimmung bei Schwellenländer-Bonds. "Derzeit achten die Investoren ganz besonders darauf, wie Staaten in Bedrängnis mit ihren Gläubigern umgehen, und da gießt Ecuador noch Öl ins Feuer", meint der Rentenstratege.

Die Kurse von auf Euro lautenden Anleihen der osteuropäischen Länder sind laut JP Morgan seit August so stark gefallen, dass sich die Risikoaufschläge, also die Renditeabstände zu sicheren Bundesanleihen, auf im Schnitt 3,4 Prozentpunkte fast verdreieinhalbfacht haben. Für Euro-Anleihen aus Lateinamerika sind die Aufschläge um knapp das Dreifache auf 6,4 Prozentpunkte in die Höhe geschnellt.

Die Angaben sind aber derzeit nicht verlässlich. "Der Handel ist bei vielen Bonds ausgetrocknet, und zu den theoretisch gestellten Kursen gibt es oft gar keine Bonds", sagt Gitzel. Dies zeige sich auch an den deutlich gestiegenen Spannen zwischen An- und Verkaufskursen.

Ein Verhängnis ist für die Schwellenländer auch, dass sie kaum an Geld kommen. Händlern zufolge haben viele westliche Banken die Kreditlinien für die Schwellenländer gestrichen. Dies hat auch der Internationale Währungsfonds (IWF) erkannt, der bereits mit Krediten für Ungarn, die Ukraine und Pakistan eingesprungen ist Auch die Türkei darf auf IWF-Hilfen hoffen. In der Warteschleife stehen Weißrussland und Serbien. "Die Lage hat sich noch nicht entspannt, und die Liste der IWF-Hilfsempfänger dürfte noch länger werden", fürchtet Gitzel.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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