Staatsanleihen
Anleihen: Keine Angst vor dem Ausverkauf

Der schnelle Anstieg der Anleiherenditen in den vergangenen Handelstagen macht Zinsstrategen nicht nervös. Vor dem Hintergrund neuer Jahreshochs von Dax und Dow Jones sind die Staatsanleihe-Renditen nach wie vor niedrig. Ein massiver Ausverkauf der Staatsanleihen wird nicht erwartet.
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FRANKFURT. "Die Korrektur war fällig und nicht dramatisch", sagt Ralf Umlauf von der Helaba. Vor gut einer Woche lag die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe, die als Gradmesser für die langfristigen Kapitalmarktzinsen im Euro-Raum gilt, bei nur 3,12 Prozent. Seither ist sie auf 3,30 Prozent gestiegen. Einen ähnlich deutlichen Anstieg gab es bei den Renditen zehnjähriger US-Staatsbonds, die auf 3,45 Prozent kletterten. Für langfristige orientierte Anleger gelten diese Niveaus aber noch nicht als attraktiv.

Der Grund: Angesichts der Tatsache, dass der Deutsche Aktienindex (Dax) und der Dow Jones zuletzt neue Jahreshochs erreichten, sind die Staatsanleihe-Renditen nach wie vor niedrig. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe liegt nur 0,35 Prozentpunkte über ihrem Stand vom Jahresanfang. Üblicherweise steigen die Kurse von Staatsanleihen und ihre Renditen sinken entsprechend, wenn die Aktienkurse anziehen und umgekehrt. Das liegt daran, dass Staatsbonds als sichere Anlagen gelten, die aber nur ein sehr begrenztes Kurspotenzial haben. Von Juli bis zu den ersten Oktobertagen stimmte die gängige Korrelation nicht: Aktien- und Rentenkurse stiegen im Gleichklang.

Strategen erklären dieses Phänomen mit der großen Liquidität, die vor allem die Zentralbanken in die Märkte gepumpt haben. "Die Investoren haben so viel Geld, dass sie es am Aktien- und am Rentenmarkt anlegen können und nicht von einem in den anderen Markt umschichten müssen", sagt Umlauf. Auch für Thomas Meißner, Leiter der Anleihen-Analyse bei der DZ Bank, werden Aktien- und Rentenmarkt "durch einen sehr zweifelhaften Klebstoff namens Liquidität" zusammengehalten. In den kommenden Wochen wird laut Meißner aber einer der Märkte klein beigeben müssen: Entweder die Staatsanleihen oder die riskanteren Kapitalmarktsegmente.

Dabei ist nach einhelliger Meinung von Analysten aber kein massiver Ausverkauf zu befürchten. Auf Sicht von zwölf Monaten dürfte die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe sukzessive auf um die vier Prozent anziehen (siehe "Tendenz leicht steigend"). Damit läge die effektive Verzinsung der zehnjährigen Bundesanleihe aber immer noch leicht unter dem Durchschnitt von knapp 4,30 Prozent der vergangenen zehn Jahre.

Ein Grund dafür ist, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins bis zum Herbst 2010 oder länger auf ihrem historisch niedrigen Stand von 1,25 Prozent halten dürfte. Die Rentenmärkte werden die Leitzinserhöhungen nach Ansicht von Strategen vorwegnehmen. Eine deutliche Flucht aus Renten werde es aber nicht geben, weil Unsicherheiten mit Blick auf die Konjunkturentwicklung anhalten dürften. Denn obwohl die Rezession als ad acta gelegt gilt, bleiben Zweifel an der Stärke und der Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen Erholung.

Hauptproblem für die Konjunktur ist für Marco Annunziata, Chefvolkswirt bei der italienischen Großbank Unicredit, dass der Funke des Welthandels nicht auf den Konsum und die Investitionen überspringen wird. Angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit müssten viele Haushalte sparen; bei Unternehmen stehe der Schuldenabbau im Vordergrund. Die Volkswirte der Dekabank sehen zudem mit Blick auf die Inflationsfront keine Gefahr einer frühen und deutlichen Leitzinswende. Die EZB werde zwar immer wieder darauf verweisen, dass sie die richtigen Instrumente habe, um in einem Aufschwung eine Phase höherer Inflationsraten zu verhindern, meinen die Dekabank-Experten. Derzeit könne von Inflationsgefahren aber keine Rede sein, da die Lohnkosten kaum stiegen und die Importpreise weiter zurückgingen.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin

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