Staatsanleihen
Berlusconi und „Sandy“ verunsichern Anleger

Die Anleihehändler reagieren nervös auf neue Aussagen von Italiens Ex-Regierungschef Berlusconi. Am Rentenmarkt sanken die Kurse auch für spanische Papiere. Die Bundesanleihe fand hingegen wieder reißenden Absatz.
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Frankfurt/Mailand/Berlin
Schuldenkrise in der Euro-Zone, wachsende Konjunkturskepsis und jetzt auch noch ein Wirbelsturm, der die dicht bevölkerte Ostküste der USA bedroht: Für viele Anleger ist das eine Gemengelage, die nach sicheren Anlagehäfen schreit. Entsprechend hoch im Kurs standen am Montag wieder die deutschen Bundesanleihen. Der Bund-Future kletterte um 64 Ticks auf 141,49 Punkte und notierte damit wieder so hoch wie zuletzt Mitte des Monats. Der Euro rutschte um etwa einen halben US-Cent auf 1,2895 Dollar ab, denn die US-Währung gilt vielen Anlegern als Weltleitwährung und damit als sicherer Hafen.

"Es gibt weder viele Leute noch viele Nachrichten, aber die Stimmung ist skeptisch", fasste Devisenanalyst Kit Juckes von der Societe Generale zusammen. Wegen des Hurrikan "Sandy" blieb der Aktienmarkt in New York am Montag geschossen. Am Rentenmarkt wurde der Handel deutlich verkürzt. "Ein ruhiger, aber nervöser Start in die Woche", erklärte Juckes. "Sandy" habe die Anleger wieder risikoscheuer gemacht. Der Dollar könnte an Stärke gewinnen - ohne klaren Grund. Schon vorige Woche hatten enttäuschende Konjunkturdaten aus Europa die Gemeinschaftswährung belastet.

Am Rentenmarkt zogen vor allem die Kurse der deutschen Bundesanleihen wieder an, so dass die Rendite der zehnjährigen auf 1,49 von 1,54 Prozent rutschte. Im Gegenzug stießen die Anleger spanische und italienische Anleihen ab. Während bei Spanien die Anleger weiter auf einen Hilfsantrag beim europäischen Rettungsfonds ESM warten, sorgte im Falle Italien Ex-Premier Silvio Berlusconi für neue Sorgenfalten. So kletterte die Rendite der zehnjährigen italienischen Anleihen erstmals seit Mitte Oktober wieder auf fünf Prozent - ein Plus von etwa neun Basispunkte zum Freitagabend. Berlusconi hatte am Wochenende mit dem Sturz der Regierung von Mario Monti gedroht, der den Märkten als Garant für den Konsolidierungskurs des Landes gilt.

Als Monti im November vergangenen Jahres das Ruder als Ministerpräsident übernommen hatte, hatten die Renditen noch deutlich über sieben Prozent gelegen. Monti steht einer Übergangsregierung von Technokraten vor, die nicht vom Volk gewählt ist. Sie wird aber von den Blöcken Mitte-Rechts, Mitte-Links und Zentrum gestützt. Sollte Monti die Unterstützung des gesamten Mitte-Rechts-Blocks verlieren, stünde er vor dem Rücktritt.

Trotz der Unsicherheit konnte sich Italien am Kapitalmarkt günstiger als zuletzt mit frischem Geld eindecken und für sechs Monate acht Milliarden Euro einnehmen. Am Dienstag wartet ein weiterer Test: Es stehen Auktionen von fünf- und zehnjährigen Schuldtiteln an, die rund sieben Milliarden Euro in die klammen Staatskassen spülen sollen. Nach Berechnungen von HSBC-Trinkaus-Anleihen-Analyst Johannes Rudolph wird Italien nach diesen Auktionen im laufenden Jahr noch etwa 35 bis 47 Milliarden Euro am Markt aufnehmen.

Problemlos verlief die Auktion für deutsche Schatzanweisungen. Der Bund nahm für ein Jahr 1,9 Milliarden Euro auf, wobei die Durchschnittsrendite mit minus 0,0095 Prozent den achten Monat in Folge im negativen Bereich lag. Auch Belgien konnte sich leicht refinanzieren und bekam von den Anlegern fast 3,6 Milliarden Euro über verschiedene Laufzeiten. Insgesamt hat das Land 2012 schon mehr Kredite aufnehmen können als geplant. (Reporter: Andrea Lentz; redigiert von Olaf Brenner)

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  • Der Morgenthau-Plan oder warum Europa verblutet.
    Die Euro- und EU-Verträge, von der deutsch-französische Achse entworfen und durchgesetzt, führen zu eine Art Morgenthau-Plan für die Peripherieländer der Währungsunion.
    Die wirtschaftlich schwache Euro-Länder werden, weil ihre Wirtschaft gegen die stärkere Wirtschaften nicht geschützt ist, immer schwächer. Dies führt dazu dass vielen jungen und gut ausgebildete Menschen aus diesen Länder keine andere Alternative bleibt als Europa den Rücken zu kehren und ihr Glück auf andere Kontinente zu suchen.
    Diese Hämorrhagie ist nicht nur eine menschliche Tragödie aber auch wirtschaftlich nachteilig für Europa. Bedingt durch den permanenten deutschen Leistungsbilanzüberschuss, ist der Euro für die meisten andere Euro-Länder überbewertet und erschwert diesen Ländern Exporte und bremst deren Importe nicht ab. Folge: Wirtschaftlicher Niedergang. Der führt dann zu geringeren Staatseinnahmen, die wiederum zu einer höheren Verschuldung, die wiederum zu höheren Zinsen für das Land und seine Wirtschaft.
    Dazu kommt dass die Gewinne die deutsche Konzerne über den Export z.B. in Italien erzielten sehr oft nicht in Italien sondern in Nicht-Euro-Ausland reinvestiert wurden, besonders in die ehemalige Länder des Ost-Block.
    Niemand soll sagen, dass diese Dinge nicht absehbar gewesen seien - dass ist Ökonomie-Grundstudiums-Wissen.
    Was die Währungsunion braucht sind Vertragsänderungen.

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