Streit eskaliert: Agenturen drohen Schuldenstaaten mit Rating-Entzug

Streit eskaliert
Agenturen drohen Schuldenstaaten mit Rating-Entzug

Die Kritik an Ratingagenturen reißt nicht ab, jetzt schlagen die Agenturen zurück. Sie drohen, sich komplett aus der Bewertung hochverschuldeter Staaten zurückzuziehen. Diese dürften dann noch schwerer Investoren finden.
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DüsseldorfDer Streit zwischen den internationalen Ratingagenturen und der Europäischen Union nimmt an Schärfe zu. Die Agenturen Branchenkreisen zufolge damit, ihre Bewertung der Zahlungsfähigkeit hochverschuldeter Euro-Staaten ganz einzustellen. In diesem Fall würden Investoren um diese Länder komplett einen Bogen machen, sagten Experten der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag. Sollte die EU die Agenturen tatsächlich für eine falsche Einstufung haftbar machen, könnten die Institute ihre Bewertungen ganz einstellen, hieß es in den Branchenkreisen.

Hintergrund des Streits sind die jüngsten Herabstufungen von Staaten wie Portugal und Griechenland durch Agenturen wie Moody's, S&P oder Fitch. Das Rating spielt eine entscheidende Rolle für den Zins, den die Länder bei Anleihen auf den internationalen Märkten zahlen müssen. Die EU-Kommission hat die jüngsten Herabstufungen massiv kritisiert und erwägt, eine Haftung einzuführen. Dies könnte im kommenden Jahr geschehen.

"Ratingagenturen sind nicht ausgelegt, um diese Art von Risiko zu tragen", verlautete aus Branchenkreisen am späten Mittwochabend. Eine solche Regelung könnte zu einer "Rücknahme der Ratings in verschiedenen Bereichen" führen. In einem Reuters vorliegenden Dokument von S&P hieß es ebenfalls, als Folge sei "eine Einschränkung der Einstufung" in Risikofällen denkbar. Entsprechende Sorgen würden auch von anderen Agenturen wie Moody's geteilt, hieß es dazu in den Branchenkreisen.

Experten sehen ein Dilemma. Die Ratingagenturen hätten in der Vergangenheit schlampig gearbeitet, sagte Sony Kapoor von der Denkfabrik Re-Define: "Ihre Einstufungen waren vor der Krise zu hoch und jetzt sind sie zu niedrig", sagte er. Allerdings führe an den Agenturen kein Weg vorbei, weil alle Beteiligten - von der EZB bis zu den Banken - auf die Noten zurückgreife. Die EU müsse vorsichtig vorgehen: "Wenn ein Land kein Rating erhält, verschwindet es für Investoren von der Landkarte", warnte Kapoor.

Neben den betroffenen europäischen Ländern hatte sich auch der Internationale Währungsfonds (IWF) zuletzt kritisch zur Rolle der Ratingagenturen geäußert. In einer aktuellen Studie untersuchten die Volkswirte des IWF die Auswirkungen von Ratingaktionen auf die Finanzmärkte und kamen zu dem Schluss, dass diese "Finanzinstabilität" auslösen könnten.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • On the one hand, agencies's threat to step out can be seen as scandalous. On the other hand, the "trinity" agencies have failed to provide neutral, credible and transparent ratings over the last few year. This piece of information could also be seen as a good news... Or couldn't it?

  • Die viel geforderte "europäische" Rating-Agentur, die dann (so scheint man zu vermuten) die Bonität von Griechenland, Portugal und der irischen Banken deutlich positiver einstufen würde, hat man bereits in den 1990er Jahren zweimal gegründet und dann nach wenigen Jahren wieder liquidiert: Die Marktteilnehmer glauben nämlich schlicht nicht daran, dass diese Agenturen eine unabhängige Einschätzung auch dann abgeben würden, wenn dieses den Politikern und der EZB unangenehm wäre. Dies ist auch der Grund, warum die ja bereits bestehenden deutschen Rating-Agenturen (die erste von der EU-Kommission 2010 offiziell anerkannte Agentur war die deutsche EulerHermes!) einen nur zwergenhaften Marktanteil besitzen - mit nur geringer Aussicht, diesen zu vergrößern.

    Die plumpen Aussagen nach dem Motto "die großen U.S.-amerikanischen Rating-Agenturen reden die europäischen Staaten und Unternehmen böswillig schlecht" geht also völlig an der Sache vorbei, den erstens stufen dieselben Agenturen auch U.S.-amerikanische Kommunen und Einzelstaaten gnadenlos herab, wenn diese sich (wie im Augenblick häufig) deutlich überschulden, und zweitens gibt es mit FitchRatings schon eine große, "auch" europäische Rating-Agentur - mit Hauptsitz in London (zweiter Hauptsitz allerdings in New York) und französischem Mehrheitsaktionär. Vor allem auf den (sicher nicht immer zutreffend prognostizierenden) Rating-Agenturen rumzuhacken, heisst also lediglich "to shoot the messenger". Wenn diese das Rating der EU-Staaten - die nicht nur die größten Anleiheschuldner an den EU-Märkten sind, sondern die lästigen Rating-Agenturen praktischerweise gleichzeitig regulieren - einfach einstellen, können sich investoren ja einfach auf die präzisen und höchst verlässlichen Finanzzahlen der griechischen Regierung verlassen...

  • Solange das Kapital der Ratingagenturen von anderen Banken gehalten
    wird befinden wir uns erst beim Vorspiel. Warum kommt endlich eine
    europäische Ratingagentur die am Anfang von der EZB und den Noten-
    banken unterstützt wird ? Das haben Mitte der neunziger Jahren
    schon einige Leute sagt die einen guten Vorausblick haben.
    Schade das diese Chance vertan wurde. Und jetzt bewerten uns weiter
    die US-amerikanischen Agenturen die nur ihr eigenes Land und die
    eigenen Interessen verfolgen. Die sollten mal alle in die USA
    schauen. Da brennt es hinten und vorne. Schöne Zukunft.

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