Tammo Diemer
„Wir brauchen einen Ausgleich“

Der oberste deutsche Schuldenmanager über die lang- und kurzfristige Refinanzierung des Bundes.

FrankfurtDeutschland wird im nächsten Jahr bis zu 214,5 Milliarden Euro Milliarden Euro am Geld- und Kapitalmarkt aufnehmen. Tammo Diemer ist Chef der deutschen Finanzagentur, die mit dem Schuldenmanagement Deutschlands betraut ist. Er erklärt, was der Bund geplant hat.

Herr Diemer, im Schnitt der vergangenen 20 Jahre lag die Rendite der 30-jährigen Bundesanleihe bei 4,4 Prozent. Jetzt sind es 1,4 Prozent. Warum nutzt der Bund das nicht stärker aus und begibt noch mehr 30-jährige Anleihen?

Wir haben die durchschnittliche Zinsbindungsdauer der Bundeswertpapiere in den vergangenen Jahren bereits strategisch von 5,9 auf zuletzt 6,6 Jahre erhöht. Wir wissen aber nicht, wie sich die Zinsen tatsächlich im nächsten Jahr entwickeln. Wichtig ist für uns, dass der langfristige Zinsaufwand des Bundes in einem guten Verhältnis zur Planbarkeit seiner Zinsausgaben steht.

Wenn Sie aber mehr 30-jährige Anleihen begeben würden, hätte der Bund planbar niedrige Zinskosten für lange Zeit.

Genau das tun wir ja: Mit zusätzlichen Aufstockungen steigern wir das Volumen nominalverzinslicher 30jähriger Anleihen auch ohne Neubegebungen im Vorjahresvergleich um 50 Prozent. Zudem haben wir die Summe der durchschnittlichen Fälligkeiten pro Jahr weiter reduziert. Ergebnis: Sowohl steigende als auch fallende Renditen wirken sich künftig weniger schnell auf die tatsächlich anfallenden Zinskosten aus. Der Emissionskalender 2016 ist eine weitere moderate Verlängerung unseres Wertpapierportfolios. Entscheidend ist nicht ob einzelne Anleihen in unserer Emissionsstrategie rückwirkend eine günstige oder teure Refinanzierung dargestellt haben.

Sondern?

Wir brauchen einen Ausgleich zwischen Kosten, die wir heute oder mittelfristig haben und der Planbarkeit dieser Kosten. Dies erreiche ich nur durch ein ausgewogenes Portfolio. Wenn ich nur eine 30jährige Emissionsstrategie habe, habe ich zwar eine sehr hohe Planbarkeit, aber erfahrungsgemäß auch die höchsten Kosten: Bei Anleihen bis zu einer Laufzeit von fünf Jahren sind die Renditen derzeit ja sogar negativ.

Was erwarten Sie für ein Renditeniveau im nächsten Jahr?

Unsere Zinsmeinung eignet sich nicht für öffentliche Spekulationen. Das Schuldenwesen des Bundes beruht auf Fakten, und diese analysieren wir ständig für den Emittenten.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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