Verpackungskünstler: Totgesagte leben länger

Verpackungskünstler
Totgesagte leben länger

Allmählich fassen die Verpackungskünstler am Kapitalmarkt wieder Mut. Banker, die ihr Geld mit der Verbriefung von Kreditrisiken verdienen, haben in der Finanzkrise viel Vertrauen verspielt. Doch jetzt kommt der Weiterverkauf von Darlehen wieder in Schwung. Jetzt geht die Royal Bank of Scotland an den Start.
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FRANKFURT/LONDON. Für Banken ist der Weiterverkauf von Darlehen wichtig, weil sie durch Verbriefungen Platz in den Bilanzen für die Vergabe neuer Kredite schaffen.

Jüngstes Zeichen für die auch von Politikern und Aufsehern seit langem ersehnte Wiederbelebung: Die Royal Bank of Scotland (RBS) platziert erstmals seit der Finanzkrise eine große Anleihe, die mit Wohnhypotheken aus den eigenen Kreditbüchern besichert ist. 4,75 Mrd. Pfund wollen die Schotten von Großinvestoren in Europa und den USA einsammeln. Knapp drei Mrd. Pfund davon übernimmt die US-Bank JP Morgan.

Die Initiative der RBS zeigt, dass der Markt allmählich tatsächlich anspringt. Europas Banken haben schon jetzt knapp 44 Mrd. Euro und damit mehr als doppelt so viele Verbriefungen platziert wie 2009. Darunter waren zuletzt mit Autoleasing-Krediten besicherte Anleihen der Volkswagen Bank und ein mit Hypotheken gedecktes Papier des Immobilienfinanzierers Obvion, der zur Rabobank gehört. "Der Markt steht wieder von den Toten auf", sagt Jean-David Cirotteau, Analyst bei der Société Générale.

Nach Meinung vieler Experten ist es höchste Zeit, dass sich das Verbriefungsgeschäft wieder belebt, weil ansonsten eine für die Konjunktur bedrohliche Kreditklemme droht. Wenn Banken ihre Darlehen weiterverkaufen, geben sie die Kreditrisiken an den Kapitalmarkt weiter und schaffen in ihren Bilanzen so Platz für neue Kredite. Erst vor kurzem betonte José Manuel Gonzalez-Paramo, Mitglied des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB), dass der Verbriefungsmarkt eine Schlüsselfunktion für die Refinanzierung der europäischen Banken habe, und damit für die Versorgung der Wirtschaft mit Kredit. Und durch die jetzt beschlossenen verschärften Eigenkapitalregeln unter Basel III erhöhe sich der Bedarf der Banken an Verbriefungen noch, so Frank Cerveny, Analyst bei der DZ Bank. Noch sei der Markt aber weit von der Normalität entfernt.

In der Tat: Bis 2007 stieg das Volumen auf 460 Mrd. Euro. Dann brach der Markt zusammen, weil zu gut bewertete, mit schwachen US-Subprime-Hypotheken besicherte Anleihen reihenweise ausfielen und zum Auslöser für die Finanzkrise wurden. Erst im Herbst 2009 konnten Banken wie Lloyds und Nationwide oder die Volkswagen-Tochter VW Leasing wieder besicherte Anleihen platzieren.

Umfeld niedriger Zinsen hilft

"Unter den europäischen Verbriefungen waren auch in der Krise die Ausfälle sehr gering", sagt Markus Ernst von der Unicredit: "Investoren fassen deshalb langsam wieder Vertrauen." Laut Cerveny bringt zudem das Niedrigzinsumfeld Anleger dazu, sich wieder Verbriefungen anzusehen. Von einem echten Durchbruch will Kevin Ingram von der Anwaltskanzlei Clifford Chance aber noch nicht sprechen. Schließlich gebe es für verbriefte Kredite viel weniger Käufer als vor der Kreditkrise. Immerhin verlangen Investoren inzwischen weniger Rendite. So bot die VW Bank für die beste Tranche zuletzt einen Aufschlag von 1,68 Prozentpunkten über dem einmonatigen Interbankensatz. So günstig kam seit der Lehman-Pleite vor zwei Jahren kein anderes Institut weg.

Ein Grund ist die bessere Transparenz. "Investoren bekommen inzwischen von den Ratingagenturen schon vorab sehr viel detaillierte Informationen als früher", sagt Cirotteau. Dazu kommen neue Vorschriften: In Europa müssen Banken bei Verbriefungen fünf Prozent der Kredite in den eigenen Büchern behalten, in Deutschland soll der Selbstbehalt ab 2012 gar auf zehn Prozent steigen. Damit soll sicherstellen, dass die Institute nicht leichtfertig Kredite vergeben, weil sie die Risiken schnell über den Markt wieder los werden.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin

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