Windreich-Pleite Windige Anleihen

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Schuldverschreibungen zu überhöhten Preisen

Mittelstandsanleihen - Millionen für Bierbrauer und Co.

Mit jeder neuen Pleite werden alte Erinnerungen wach, und zwar an die Zeit kurz nach der Jahrtausendwende, als die Internetblase platzte und der Neue Markt für Technologieaktien zusammenbrach. Einige Banker haben bereits prophezeit, dass der Markt für Mittelstandsanleihen in einem ähnlichen Desaster enden könnte wie der „Nemax“. Diesen Vergleich möchte Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg allerdings nicht ziehen. „BondsM ist kein neuer Neuer Markt, auch wenn die Probleme ähnlich erscheinen“, sagt der Verbraucherschützer. „Die Börsen und der Gesetzgeber haben aus den Fehlern von damals nicht die richtigen Konsequenzen gezogen. Bei der Regulierung dieser Märkte hatten die Interessen der Finanzlobby mal wieder Vorfahrt.“

Die Pleite wirft ein Schlaglicht auf das Mittelstandssegment: Seit gut drei Jahren sammeln mittelständische Unternehmen über börsennotierte Anleihen frisches Kapital ein – auch von Kleinanlegern. Rund 3,7 Milliarden Euro kamen so bislang zusammen. Mit Windreich ging nun das siebte Unternehmen in die Insolvenz. „Weitere Zahlungsausfälle sind nur eine Frage der Zeit“, warnt etwa Sven Pfeil, Vermögensverwalter bei Aramea Asset Management. „Viele Unternehmen sind nicht einmal in der Lage, ihre Zinsen mit dem operativen Geschäft zu finanzieren“, sagt Pfeil. „An die Rückzahlung der Anleihen will ich da gar nicht erst denken.“

Verbraucherschützer Nauhauser ergänzt: „Man muss den Eindruck gewinnen, dass sowohl BondM wie auch der Neue Markt missbraucht wurden, um Aktien und Schuldverschreibungen zu überhöhten Preisen an Anleger zu verkaufen.“ Wenn Banken ihre faulen Kredite auf Privatanleger abwälzen würden, zerstöre dies das Vertrauen in das Marktsegment und Anleger würden dann völlig zu Recht auf Abstand gehen.

Aktuell sind 27 Mittelstandsanleihen von 23 Unternehmen im Segment BondM gelistet. Das geplante Volumen liegt nach Angaben der Börse Stuttgart bei 1,8 Milliarden Euro, das bereits platzierte Volumen bei 1,7 Milliarden Euro. Zu den bekanntesten Emittenten gehören Air Berlin und Dürr. Auch an anderen Börsenplätzen gibt es vergleichbare Segmente. Am Mittelstandsmarkt der Börse Düsseldorf tummeln sich bekannte Namen wie Valensina, Bastei Lübbe oder Katjes International. Insgesamt sind 16 Anleihen am Mittelstandsmarkt notiert. Das Volumen der Anleihen liegt bei 510 Millionen Euro. Das größte Segment für Mittelstandsbonds hat mit einem Volumen von 2,1 Milliarden Euro die Frankfurter Börse. Im Entry Standard sind 45 Anleihen von 42 Unternehmen gelistet – darunter Berentzen und die Karlsberg Brauerei.

Den Boom bei Minibonds befeuern üppige Vertriebsprovisionen: Rund vier Prozent des Emissionserlöses muss ein Mittelständler an Berater, Banker, Börse sowie Rating- und Kommunikationsagentur zahlen. „Mittelsstandsanleihen haben in Depots von konservativen Privatanlegern nichts zu suchen“, so Nauhauser. „Berater müssen Sorge dafür tragen, dass ihre Kunden niemals gegen das Diversifikationsgebot verstoßen. Der Verkauf großer Summen an Kleinanleger ist aus meiner Sicht eine glasklare Falschberatung.“  

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7 Kommentare zu "Windreich-Pleite: Windige Anleihen"

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  • Regulative Eingriffe werden riskante Finanzierungen kaum aus der Welt schaffen. Die Mittelstandsbonds platzen seit Anfang des Jahres reihenweise und Anleger sowie Handelsblatt zeigen sich erstaunt wie es dazu kommen konnte. Jeder Zeichner sollte sich vergewissern, womit die Anleihe besichert wird und ob die eigene Anlage in einem Streßszenario erstranging oder nachrangig behandelt wird. Es gilt vorrangig am Verständnis der Finanzierungsinstrumente anzusetzen. Es liegt nicht an der allgemeinen Form von Mittelstandsanleihen, sondern um das was im Einzelfall von einem bestimmten Papier strukturiert wird. In Deutschland machen da Schuldscheindarlehen mehr Sinn. Sie zeichnen sich aus durch viel geringere Kosten für den Emittenten, höhere Renditen für die Investoren und einfache und transparente Vertragsgestaltung aus. Je nach Anbieter kommen folgende Eigenschaften dazu: vertragliche Abtretung der Forderungen an die Gläubiger, Immobilien und Grundschulden als Sicherheiten, geschlossene Kontensystemen, Reportings von Treuhändern, die die Mietkonten kontrollieren und natürlich ein Rating mit Investment Grade.
    Es ist für immer wieder ernüchternd von Experten und der Fachpresse diese Vorbehalte immer plakativ gegenüber einer Anlageform zu hören; die Unternehmen dahinter sind doch in den Fokus zu nehmen und eine Investition anhand der Analyse des Emittenten und dann der Anleihebedingungen zu bewerten. Daran müsste das HB und andere allerdings noch arbeiten.

  • Das Schlimmste ist, daß sich die Fonds-Gesellschaften auch auf diese Weise entschulden, indem sie die Anleihen haufenweise in ihren Fonds abladen.
    Kaum ein Kleinanleger schaut sich die Fonds-Berichte an, meistens fehlt das Wissen daß es so etwas gibt.
    Ich habe vor kurzem in einem Anleihen-Fonds, den ein Bekannter gekauft hatte, fast ausschließlich Pfandbriefe von spanischen Pleitebanken gefunden!!
    Das handelt jetzt zwar nicht von Mittelstandsanleihen, aber es ist der gleiche Schwindel. Ich schreibe es nur, weil die Empfehlung Fonds zu kaufen hier ausgesprochen wurde. Mit ETF's und Fonds kann man genau so reinfallen, wie mit einzeln gekauften Anleihen.

  • Ist doch klar. Rechnet sich einfach nicht, da kann man machen was man will ...

  • Ein weiterer Fall von subventioniertes Unternehmen pleite, Unternehmer reich...TOLL!

  • Von den sog. "Mittelstandsanleihen" sollten Anleger die Finger lassen. Die Risiken sind enorm! Wer in diesem Segment unterwegs sein möchte, kann sich einen anständigen Fonds anschaffen, der in Hochzinsanleihen anlegt (Diversifikation). Die meissten Anleger werden wohl nicht soviel Kapital zur Verfügung haben, um ausreichend in Mittelstandsanleihen zu diversifizieren...

  • @winter
    eigentlich wäre ja solarworld ja schon eher fällig...
    Asbeck betreibt mit Solarworld immer noch Insolvenzverschleppung im großen Stil.

  • als nächster ist dann prokon dran....

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