Windreich-Pleite Windige Anleihen

Ein Hauch von Neuer Markt weht über den Anleihemarkt. Mit dem Windpark-Entwickler Windreich ist das nächste Unternehmen insolvent, das über Mittelstandsanleihen Millionen eingesammelt hat. Was Anleger jetzt wissen müssen.
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DüsseldorfWieder hat es einen Anbieter neuer Energien erwischt. Das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung ist für den Windpark-Entwickler Windreich eröffnet worden. Das bedeutet: Die Geschäftsführung der Gesellschaft bleibt zunächst im Amt und soll mit einem  vom Gericht bestellten Sachwalter einen Sanierungsplan ausarbeiten, damit das Unternehmen trotz arger Zahlungsnöte weiter existieren kann.

Die Schieflage von Windreich trifft auch Privatanleger. Denn das Unternehmen hat 125 Millionen Euro über zwei Mittelstandsanleihen eingesammelt. Die Papiere sind an der Stuttgarter Börse gelistet. Seit am späten Montagnachmittag der Insolvenzantrag bekannt wurde, sind die Papiere „bis auf Weiteres“ vom Handel ausgesetzt, teilte die Börse Stuttgart mit. Wann wieder Kurse für die Anleihen gestellt werden, ist nicht bekannt.

Die Liquiditätsprobleme des Windpark-Entwicklers deuteten sich bereits Anfang März an, als Windreich Anleihezinsen erst mit zwei Tagen Verspätung zahlte. Damals waren die Anleihen noch im Mittelstandssegment BondM gelistet. Zum 16. April hat Windreich die BondM-Teilnahme allerdings ordentlich gekündigt und ist seither im Freiverkehr der Börse Stuttgart gelistet.

Anleihekäufer erlebten zuletzt eine wilde Berg-und-Talfahrt. Die Anleihe mit Laufzeit bis zum Jahr 2015 notierte noch im Dezember bei mehr als 70 Prozent, sackte dann binnen weniger Wochen bis auf fast 50 Prozent ab, erholte sich wieder und stürzte schließlich bis auf unter 20 Prozent im März ab. Zuletzt notierte sie wieder bei knapp 60 Prozent. Ähnlich sieht der Chart bei der zweiten Anleihe aus, die im Jahr 2016 fällig wird. Wie tief die Anleihen fallen, wenn der Handel wieder aufgenommen wird, wird sich zeigen.

Verbraucherschützer hatten lange vor der Anleihe gewarnt. „Grundsätzlich ist diese Form der Geldanlage für Verbraucher – zumindest für Kleinanleger oder Verbraucher mit einer durchschnittlichen Risikoneigung – aufgrund des bestehenden Totalverlustrisikos nicht geeignet“, sagte der Experte für nachhaltige Anlagen der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, Thomas Pfister, zu „Handelsblatt Online“. Es gebe keinen Insolvenzschutz und bei einem Scheitern des Projekts „verlieren die Anleger ganz oder teilweise ihr angelegtes Kapital“.

Anleihegläubiger bekommen zuletzt Geld

Willi Balzer, Geschäftsführer von Windreich, musste Insolvenz anmelden. Quelle: dpa

Willi Balzer, Geschäftsführer von Windreich, musste Insolvenz anmelden.

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Windreich ist nun ein Fall für Anlegeranwälte. Anleihezeichner haben vor dem Landgericht Regensburg eine Klage gegen die Bank J. Safra Sarasin eingereicht, weil sie sich schlecht über die Geschäftsaussichten informiert fühlten. Die Anleihebesitzer sollten sich nun so schnell wie möglich organisieren, damit sie nicht leer ausgehen, wenn das Insolvenzverfahren eröffnet wird, sagte Rechtsanwalt Klaus Nieding von der Kanzlei Nieding und Barth. „Sie werden nachrangig behandelt, stehen also am Ende der Nahrungskette, wenn es hart auf hart kommt.“

Nieding führt einen Vergleich mit der Insolvenz der Düsseldorfer Immobilienfirma WGF an. „Dort saßen Anlegervertreter im Gläubigerausschuss und konnten die zunächst  avisierte Erstattung von 19 Prozent des Anleihewertes auf 60 Prozent steigern“. Nur wenn sich die einzelnen Gläubiger nicht auseinanderdividieren ließen, hätten sie Chancen auf eine angemessene Beteiligung an der Insolvenzmasse. 

Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) rät ebenfalls zu einem gemeinsamen Vorgehen.  Anleger müssen laut SdK damit rechnen, dass „die Anleihen nicht mehr zu den jeweiligen Fälligkeitstagen zurückbezahlt werden und in Zukunft auch keine Zinszahlungen mehr zu erwarten sind“. Nach der SDK-Stellungnahme sei mit „größeren Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Gläubigergruppen“ zu rechnen, da „die Anleiheinhaber laut Halbjahresbericht (30. Juni 2012) nur rund ein Viertel aller ausstehenden Finanzverbindlichkeiten der Windreich GmbH ausmachen“.

Zusätzlich können Privatanleger prüfen lassen, ob die Anlagerisiken in den Prospekten angemessen beschrieben worden sind und ob sie im Verkaufsgespräch richtig beraten worden sind. Dann könnten sich Ansprüchen wegen Prospekthaftung oder Falschberatung ergeben. Rechtsanwältin Daniela Bergdolt erklärt, dass die Schweizer Bank Sarasin ab dem Jahr 2010 als Hauptgläubigerin in großem Stil Anleihen an Anleger verkauft hätte. „Dabei hat die Bank verschwiegen, dass sie selbst ein erhebliches Eigeninteresse an dem Verkauf der Anleihen hatte: Die Windreich AG stand bei ihr mit über 70 Millionen Euro in der Kreide“, erläutert Bergdolt. Der  „massive Interessenkonflikt“ begründe Schadenersatzansprüche gegen die Bank, erste zivilrechtliche Klagen ihrer Kanzlei würden laufen, auch wegen angeblich verschwiegener Provisionen.

Auch wenn Windreich zuletzt keine echte Mittelstandsanleihe mehr war, mit der neuen Pleite dürfte die Kritik am noch neuen Segment für Mittelstandsanleihen wieder lauter werden. „Wir laufen Gefahr, dass das Segment der Mittelstandsanleihen genauso vor die Hunde geht wie einst der Neue Markt“, sagt Nieding. Nach seinen Angaben würden Banken bei dieser Anlageklasse bewusst Risikofinanzierungen an Privatanleger weitergeben, die sie selbst schon längst nicht mehr in ihren Büchern sehen möchten: „Da werden Anleiheemissionen als letzte Finanzierungsquelle genutzt“. 

Schuldverschreibungen zu überhöhten Preisen

Mittelstandsanleihen - Millionen für Bierbrauer und Co.

Mit jeder neuen Pleite werden alte Erinnerungen wach, und zwar an die Zeit kurz nach der Jahrtausendwende, als die Internetblase platzte und der Neue Markt für Technologieaktien zusammenbrach. Einige Banker haben bereits prophezeit, dass der Markt für Mittelstandsanleihen in einem ähnlichen Desaster enden könnte wie der „Nemax“. Diesen Vergleich möchte Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg allerdings nicht ziehen. „BondsM ist kein neuer Neuer Markt, auch wenn die Probleme ähnlich erscheinen“, sagt der Verbraucherschützer. „Die Börsen und der Gesetzgeber haben aus den Fehlern von damals nicht die richtigen Konsequenzen gezogen. Bei der Regulierung dieser Märkte hatten die Interessen der Finanzlobby mal wieder Vorfahrt.“

Die Pleite wirft ein Schlaglicht auf das Mittelstandssegment: Seit gut drei Jahren sammeln mittelständische Unternehmen über börsennotierte Anleihen frisches Kapital ein – auch von Kleinanlegern. Rund 3,7 Milliarden Euro kamen so bislang zusammen. Mit Windreich ging nun das siebte Unternehmen in die Insolvenz. „Weitere Zahlungsausfälle sind nur eine Frage der Zeit“, warnt etwa Sven Pfeil, Vermögensverwalter bei Aramea Asset Management. „Viele Unternehmen sind nicht einmal in der Lage, ihre Zinsen mit dem operativen Geschäft zu finanzieren“, sagt Pfeil. „An die Rückzahlung der Anleihen will ich da gar nicht erst denken.“

Verbraucherschützer Nauhauser ergänzt: „Man muss den Eindruck gewinnen, dass sowohl BondM wie auch der Neue Markt missbraucht wurden, um Aktien und Schuldverschreibungen zu überhöhten Preisen an Anleger zu verkaufen.“ Wenn Banken ihre faulen Kredite auf Privatanleger abwälzen würden, zerstöre dies das Vertrauen in das Marktsegment und Anleger würden dann völlig zu Recht auf Abstand gehen.

Aktuell sind 27 Mittelstandsanleihen von 23 Unternehmen im Segment BondM gelistet. Das geplante Volumen liegt nach Angaben der Börse Stuttgart bei 1,8 Milliarden Euro, das bereits platzierte Volumen bei 1,7 Milliarden Euro. Zu den bekanntesten Emittenten gehören Air Berlin und Dürr. Auch an anderen Börsenplätzen gibt es vergleichbare Segmente. Am Mittelstandsmarkt der Börse Düsseldorf tummeln sich bekannte Namen wie Valensina, Bastei Lübbe oder Katjes International. Insgesamt sind 16 Anleihen am Mittelstandsmarkt notiert. Das Volumen der Anleihen liegt bei 510 Millionen Euro. Das größte Segment für Mittelstandsbonds hat mit einem Volumen von 2,1 Milliarden Euro die Frankfurter Börse. Im Entry Standard sind 45 Anleihen von 42 Unternehmen gelistet – darunter Berentzen und die Karlsberg Brauerei.

Den Boom bei Minibonds befeuern üppige Vertriebsprovisionen: Rund vier Prozent des Emissionserlöses muss ein Mittelständler an Berater, Banker, Börse sowie Rating- und Kommunikationsagentur zahlen. „Mittelsstandsanleihen haben in Depots von konservativen Privatanlegern nichts zu suchen“, so Nauhauser. „Berater müssen Sorge dafür tragen, dass ihre Kunden niemals gegen das Diversifikationsgebot verstoßen. Der Verkauf großer Summen an Kleinanleger ist aus meiner Sicht eine glasklare Falschberatung.“  

Der Finanzbedarf der Mittelständler ist immens

Eine Untersuchung der Ratingagentur Scope sollte Anleger nachdenklich stimmen. Der Finanzbedarf der Mittelständler ist immens. Bereits im nächsten Jahr stehen laut Scope die ersten Mittelstandsanleihen zur Refinanzierung an. Insgesamt wird ein Volumen von 185 Millionen Euro fällig. In den Jahren 2015 und 2016 erhöht sich das Refinanzierungsvolumen dann bereits spürbar auf jeweils rund 670 Millionen Euro. Bis 2017 steige das Volumen an auslaufenden Mittelstandsbonds auf rund eine  Milliarde Euro. Die verbleibenden Anleihen mit einem Volumen von insgesamt mehr als 1,2 Milliarden Euro sind erst in den Jahren ab 2018 fällig.

Scope rechnet zwar damit, dass „der weit überwiegende Teil“ der Unternehmen die auslaufenden Anleihevolumen erfolgreich refinanzieren wird und nur in Ausnahmefällen  Insolvenzen vorkommen dürften. Trotzdem stiegen die Kosten für Risikoaufschläge kräftig an. Die emittierenden Unternehmen werden laut Scope immer kleiner und der Anteil der  Anleihen an der Bilanzsumme steige immer weiter an. Aus Unternehmensperspektive ist es in der Regel nicht sinnvoll, zu stark von den begebenen Anleihen abhängig zu sein.  

Verbraucherschützer Niels Nauhauser will das Segment aber trotzdem nicht verteufeln.  „Mittelstandsanleihen sind eine notwendige Finanzierungsmöglichkeit für Unternehmen und für Anleger – richtig eingesetzt – ein weiteres Instrument für eine diversifizierte Geldanlage“, sagt er. „Allerdings muss der Markt richtig reguliert sein und ein ausreichend hohes Anlegerschutzniveau sicherstellen.“ BondM sei kein gesetzlich geregelter Markt, das müssten Anleger wissen. Die Transparenz- und Publizitätspflichten seien nicht ausreichend. „Hier kann und muss man vieles verbessern“, so Nauhauser.

Grundsätzlich sei eine Insolvenz aber kein Grund, ein ganzes Segment in Frage zu stellen. „Pleiten gehören dazu, Schuldner fallen aus – das ist eine völlig normale und ganz unvermeidbare Entwicklung an Kapitalmärkten“, sagt Verbraucherschützer Nauhauser. „Im Fall von Windreich hat sich eine Schieflage seit längerem abgezeichnet.“ Anleger hätten anhand der Börsenkurse ahnen können, dass dem Unternehmen ernste Probleme drohen und sie hätten ihre Anleihen jeder Zeit über die Börse verkaufen können – wenn auch mit Verlust.

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7 Kommentare zu "Windreich-Pleite: Windige Anleihen"

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  • Regulative Eingriffe werden riskante Finanzierungen kaum aus der Welt schaffen. Die Mittelstandsbonds platzen seit Anfang des Jahres reihenweise und Anleger sowie Handelsblatt zeigen sich erstaunt wie es dazu kommen konnte. Jeder Zeichner sollte sich vergewissern, womit die Anleihe besichert wird und ob die eigene Anlage in einem Streßszenario erstranging oder nachrangig behandelt wird. Es gilt vorrangig am Verständnis der Finanzierungsinstrumente anzusetzen. Es liegt nicht an der allgemeinen Form von Mittelstandsanleihen, sondern um das was im Einzelfall von einem bestimmten Papier strukturiert wird. In Deutschland machen da Schuldscheindarlehen mehr Sinn. Sie zeichnen sich aus durch viel geringere Kosten für den Emittenten, höhere Renditen für die Investoren und einfache und transparente Vertragsgestaltung aus. Je nach Anbieter kommen folgende Eigenschaften dazu: vertragliche Abtretung der Forderungen an die Gläubiger, Immobilien und Grundschulden als Sicherheiten, geschlossene Kontensystemen, Reportings von Treuhändern, die die Mietkonten kontrollieren und natürlich ein Rating mit Investment Grade.
    Es ist für immer wieder ernüchternd von Experten und der Fachpresse diese Vorbehalte immer plakativ gegenüber einer Anlageform zu hören; die Unternehmen dahinter sind doch in den Fokus zu nehmen und eine Investition anhand der Analyse des Emittenten und dann der Anleihebedingungen zu bewerten. Daran müsste das HB und andere allerdings noch arbeiten.

  • Das Schlimmste ist, daß sich die Fonds-Gesellschaften auch auf diese Weise entschulden, indem sie die Anleihen haufenweise in ihren Fonds abladen.
    Kaum ein Kleinanleger schaut sich die Fonds-Berichte an, meistens fehlt das Wissen daß es so etwas gibt.
    Ich habe vor kurzem in einem Anleihen-Fonds, den ein Bekannter gekauft hatte, fast ausschließlich Pfandbriefe von spanischen Pleitebanken gefunden!!
    Das handelt jetzt zwar nicht von Mittelstandsanleihen, aber es ist der gleiche Schwindel. Ich schreibe es nur, weil die Empfehlung Fonds zu kaufen hier ausgesprochen wurde. Mit ETF's und Fonds kann man genau so reinfallen, wie mit einzeln gekauften Anleihen.

  • Ist doch klar. Rechnet sich einfach nicht, da kann man machen was man will ...

  • Ein weiterer Fall von subventioniertes Unternehmen pleite, Unternehmer reich...TOLL!

  • Von den sog. "Mittelstandsanleihen" sollten Anleger die Finger lassen. Die Risiken sind enorm! Wer in diesem Segment unterwegs sein möchte, kann sich einen anständigen Fonds anschaffen, der in Hochzinsanleihen anlegt (Diversifikation). Die meissten Anleger werden wohl nicht soviel Kapital zur Verfügung haben, um ausreichend in Mittelstandsanleihen zu diversifizieren...

  • @winter
    eigentlich wäre ja solarworld ja schon eher fällig...
    Asbeck betreibt mit Solarworld immer noch Insolvenzverschleppung im großen Stil.

  • als nächster ist dann prokon dran....

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