Zinskosten explodieren Italiens Anleger sind alarmiert

Berlusconi geht, die Probleme bleiben. Am Bondmarkt kennt die Rendite italienischer Anleihen kein Halten mehr. Profiteur der Krise ist Deutschland, weil Bundesanleihen in puncto Sicherheit das Maß aller Dinge sind.
Update: 09.11.2011 - 15:16 Uhr 77 Kommentare

Panik bei italienischen Anleihen

Frankfurt / LondonDie Rücktritssankündigung von Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat die Investoren am Anleihemarkt nicht beruhigt. Im Gegenteil: Die Kurse fallen weiter, die Renditen italienischer Staatsanleihen gehen entsprechend in die Höhe. Am Nachmittag warfen zehnjährige Anleihen 7,22 Prozent ab und übersprangen damit erstmals die Marke von sieben Prozent Rendite. Zum Höchststand am Mittag lagen die Anleihen noch bei 7,5 Prozent. Allein im Vergleich zum Vortag betrug der Anstieg 70 Basispunkte bzw. zehn Prozent. Die Rendite zweijähriger Zinspapiere stieg noch stärker an und übertraf die langfristiger Anlagen. Diese Konstellation, die als inverse Zinskurve bezeichnet wird, gilt als Hinweis darauf, dass Investoren einen baldigen Zahlungsausfall fürchten.

Viele Experten halten eine Refinanzierung über den Kapitalmarkt für Italien auf diesem Niveau für langfristig nicht darstellbar. Dies gilt erst recht, da Italien mit einem ausstehenden Bond-Volumen von 1,6 Billionen Euro ein absolutes Schwergewicht am Anleihemarkt ist. Da regelmäßig Anleihen auslaufen und durch neue abgelöst werden, steigen die Refinanzierungskosten Italiens drastisch an. Angesichts eines chronisch schwachen Wirtschaftswachstums und einer Staatsschuldenquote von 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts droht die Last das Land zu erdrücken.

Verstärkt wurde die Talfahrt italienischer Anleihen am Mittwoch dadurch, dass Investoren nun höhere Sicherheiten bieten müssen, wenn sie die Zinspapiere für Kredite beleihen wollen. Das Londoner Clearinghaus LCH, das solche besicherte Darlehen zwischen den Banken abwickelt, erklärte am Morgen, italienische Bonds ab Donnerstag nur noch mit höheren Preisabschlägen als Sicherheit für Wertpapier-Transaktionen zu akzeptieren. Die Einlagen, die Kunden für Transaktionen italienischer Staatsanleihen vorhalten müssen, sollen um 3,5 bis fünf Prozentpunkte steigen. Auch die Absicherung eines zehn Millionen Euro schweren Pakets italienischer Anleihen gegen Zahlungsausfall verteuerte sich um 23.000 auf 543.000 Euro, wie LCH mitteilte.

Sorgen wie die Italiens sind Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble fremd. Zumindest mit Blick auf die Refinanzierungskosten Deutschlands am Anleihemarkt gab es in diesen Jahr schon mehrfach Grund zum Jubeln: Deutsche Anleihen gelten in puncto Sicherheit als das Beste, was man im Euro-Raum bekommen kann. "Investoren, die Sicherheit wollen, sind mit Blick auf mögliche Risiken sehr intolerant", meint Richard Woolnough von der Fondsgesellschaft M&G Investment. Deshalb seien Bundesanleihen stärker denn je bei Anlegern gefragt.

Die Investoren begnügen sich mit immer weniger Zinsen, und Deutschland finanziert sich so günstig wie noch nie: In dieser Woche wurden für Sechsmonatspapiere gerade einmal Zinskosten von 0,08 Prozent fällig, im September stockte der Bund eine zehnjährige Anleihe mit einer Mini-Rendite von 1,8 Prozent und eine fünfjährige Anleihe zu 1,2 Prozent auf. Anleger nehmen dabei sogar negative Realrenditen in Kauf, denn schließlich lag die Inflationsrate zuletzt bei 2,5 Prozent.

Sorgenkind Italien

Für alle anderen Länder ist es dagegen teurer geworden, sich über Anleihen zu refinanzieren - in Griechenland, Irland und Portugal ist es schon lange unmöglich. Die Renditeaufschläge im Vergleich zu zehnjährigen Bundesanleihen reichen von 1,3 Prozentpunkten für Frankreich bis zu 23,5 Prozentpunkten für Griechenland. Die größte Sorge der Investoren ist dabei derzeit, dass auch Italien Kredithilfen beantragen muss. Anleger verlangen für zehnjährige italienische Anleihen inzwischen 5,6 Prozentpunkte mehr Rendite als für die deutschen Bundesanleihen. Angesichts des steilen Anstiegs der Risikoprämien könnten sich einige große Spieler gezwungen sehen, weitere Bestände auf den Markt zu werfen, meint Stuart Frost vom Londoner Vermögensverwalter RWC. Investoren seien dagegen Mangelware.

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77 Kommentare zu "Zinskosten explodieren: Anleger bereiten sich in Italien auf das Schlimmste vor"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Frankreich und Deutschland diskutieren Verkleinerung der Euo-Zone.

    (Reuters) German and French officials have discussed plans for a radical overhaul of the Europian Union that would involve setting up a more integrated and potentially smaller euro-zone, EU sources say.

  • Schraube locker?

  • "Verhülle dich mit Masken und mit Schminken,
    auch blinzle wie gestörten Augenlichts,
    laß nie erblicken, wie dein Sein, dein Sinken
    sich abhebt von dem Rund des Angesichts"

    GB

  • Machiavelli, ich denke, Sie haben Recht: "Wer Überschuss sagt sagt auch zwangsläufig Defizit, irgendwo muss mathematisch dieses Geld fehlen.
    Das ist das Problem, nicht Berlusconi oder Papandreou. Und dass keiner mir jetzt damit kommt dass die Deutsche fleißig sind und die Südländer faul." Man kann diese Kriese nur gemeinsam lösen. Gemeinsam bedeutet alle Bürgerrinnen und Bürger in der EU. Bisher hat die Mehrheit der Bevölkerung nicht verstanden. Übrigens, (fast) alle Normalbürger, auch die Deutsche werden bald erfahren, dass es kein Gewinner gibt, der Lebensstandard wird sinken, egal, ob Griechenland und Co. mit dem Sparen schafft oder nicht, und alle Länder bekommen ihre alte Währung zurück.

  • @simpel

    Alaska

    Europa, dieser Nasenpopel
    Aus einer Konfirmandennase,
    Wir wollen nach Alaska gehen.

    Der Meermensch: der Urwaldmensch:
    Der alles aus seinem Bauch gebiert,
    Der Robben frißt, der Bären totschlägt,
    Der den Weibern manchmal was reinstösst:
    Der Mann.

    Gottfried Benn (1913)

  • Wann begreift Bundeskanzlerin Merkel endlich, dass es nicht mehr darum geht, den Euro oder andere Länder zu retten. Angesichts der Wahnsinnsverschuldung ist hier nichts mehr zu machen, Es kann für die deutsche Politik nur noch darum gehen, Deutschland und seinen Wohlstand zu retten; und das ist schon schwierig genug. Frau Dr. Merkel, wachen Sie endlich auf!

  • Das Volk ist lange aufgewacht, nur hat es keinen Arsch in der Hose.

    Aendern heist handeln und tun. Das kommt immer erst dann, wenn das Volk mit dem Ruecken zur Wand steht!!

    Das wird in kuerze soweit sein, ist unausweichlich, - die fetten Maden und Parasiten werden gesucht und eliminiert, -Die geschichte zeigt den Werdegang...

  • "überbordenden Sozialapparat"

    Da hatte weiland Bismarck brauchbarere Implikationen parat.
    Man mag mich einen Sozialisten nennen: dir Kurzatmigkeit der gegenwärtigen Entwicklungen ertaunt kines schon.

  • Ja klar, es geht nur um die Börse. Mal kurz nachdenken: Wer erinnert sich noch an 2008 mit Kurzarbeit, Produktionseinbruch, Bankenverstaatlichung und und und. Es geht hier wahrlich nicht nur um die Börse...

  • Ist doch verstaendlich, das diese ueblen Technokraten um Ihre Daseinsberechtigung kaempfen.
    Diese Planstellen wurden ohne Zustimmung des Volkes einfach verordnet, den Parasiten ein weiterer Schinken in den Hintern geschoben, von dem Sie fuerstlich schmausen.

    Die lassen sich den Schinken nicht einfach wieder wegnehmen, - nur ohne Europa keine daseinsberechtigung , die Lizenz zum bestehlen das Volkes ist dann makulatur...

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