Zyklische Investments
Firmen locken Anleger mit Zins-Kick

Mit neu gestalteten Anleihen versuchen Konzerne, die Anleger auch in der Krise zu locken. Firmen wie Arcelor-Mittal und Thyssen-Krupp haben ein Papier aufgelegt, dessen Verzinsung bei fallenden Ratings steigt. Ganz risikolos ist die Investition nicht, denn die Unternehmen befinden sich meist nicht weit von einem niedrigen Rating.

FRANKFURT. Unternehmen lassen sich einiges einfallen, um auch in der Krise an Geld von Investoren zu kommen. Die Stahlkonzerne Arcelor-Mittal und Thyssen-Krupp sowie die Zementhersteller Holcim und Lafarge haben in diesem Jahr Anleihen begeben, deren Zinsen sich erhöhen, wenn ihre Bonität abrutscht. Dabei erhöhen sich die Kupons um jeweils 1,25 Prozentpunkte, wenn die Ratings der Konzerne in den sogenannten Non-Investment-Grade-Bereich für schwache Schuldner fallen. Eine ähnliche Welle mit ratingabhängigen Zinsscheinen gab es schon in den Jahren 2000 und 2001 von Telekomkonzernen, die damals viel Geld brauchten, um den Erwerb von UMTS-Lizenzen zu finanzieren.

Jetzt kommen die Bonds mit Zins-Kick von Firmen aus zyklischen Branchen, deren Ratings nicht weit von der Einstufung Non-Investment-Grade entfernt sind. Diese Ratings beginnen bei Standard & Poor?s (S&P) und Fitch bei "BB+" und bei Moody?s bei "Ba1". Die Anleihen gerade zyklischer Unternehmen waren in den vergangenen Monaten bei Investoren generell gefragt. Entsprechend deutlich sind die Kurse schon wieder gestiegen und die Renditen gesunken. Analysten fürchten eine zumindest moderate Korrektur, also Kursrückschläge. Dies gilt angesichts der in vielen Ländern noch anhaltenden Rezession auch für Bonds der Stahl- und Zementhersteller.

"Wenn Investoren jetzt trotzdem Anleihen aus diesen Branchen kaufen wollen, bieten sich die Papiere mit den sogenannten Step-up-Kupons an, weil Anleger bei Rating-Herabstufungen zumindest automatisch höhere Zinsen bekommen", meint Reiner Haier, Analyst für Unternehmensanleihen bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Die Bonds mit den steigenden Zinsscheinen sind allerdings vor allem für institutionelle Investoren und vermögende Privatanleger geeignet, denn bis auf die neueste Anleihe von Thyssen-Krupp haben alle einen Nominalwert von 50 000 statt nur 1 000 Euro.

Bei Thyssen-Krupp halten es Experten für sehr wahrscheinlich, dass die Ratingagenturen bald den Daumen senken und die Essener dann nur noch ein Rating im Non-Investment-Grade oder Junk-Bereich haben. Der Stahlproduzent ist im vergangenen Quartal noch tiefer in die roten Zahlen gerutscht. Analyst Michael Renner von der DZ Bank sorgt sich wegen der "stark rückläufigen Ertragskraft verbunden mit einem sehr skeptischen Ausblick". Mit den Bonitätsnoten "BBB-" von S&P und Fitch und "Baa3" von Moody?s ist Thyssen nur eine Stufe vom Junk-Bereich entfernt. S&P prüft das Rating auf eine baldige Herabstufung, bei den anderen Agenturen sind die Ausblicke negativ. Thyssen zahlt den Zinsaufschlag nur, wenn zwei Ratingagenturen ihr Urteil revidieren, bei den anderen Unternehmen reicht es, wenn eine Agentur das Rating senkt.

Mit gut sechs Prozent bietet die Thyssen-Anleihe mehr Rendite als der vergleichbare, ein Jahr kürzer laufende Bond von Arcelor-Mittal. Der weltgrößte Stahlproduzent leidet zwar auch unter der Wirtschaftskrise, hat zuletzt aber die Verschuldung deutlich gesenkt.

Die Step-up-Anleihen der Zementhersteller Holcim und Lafarge rentieren bei ähnlichen Laufzeiten niedriger als die der Stahlkonzerne. "Holcim ist ein solider geographisch breit diversifizierter Konzern mit einem relativ zu den Wettbewerbern eher konservativen Bilanzprofil", sagt Jochen Schlachter, Analyst für Unternehmensbonds bei Unicredit. Lafarge stehe bonitätsmäßig schlechter da als Holcim, mache aber gute Fortschritte beim Verkauf von Geschäftsteilen. Insgesamt sind die Aussichten für die Baustoffbranche laut Schlachter noch trüb. Gerade das rezessionsbedingt wegbrechene Geschäft in ehemaligen Wachstumsmärkten Osteuropa mache den Konzernen Sorgen.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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