AKP-Wahlsieg
Politischer Börsenboom in Istanbul

Nicht nur vor dem Hauptquartier der Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei in Ankara wurde der Wahlsieg des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan ausgelassen gefeiert. Am Montag nach dem Urnengang startete vor einer Woche auch an der Istanbuler Börse ein wahres Kursfeuerwerk.

ISTANBUL. Um bis zu 5,6 Prozent legte der Leitindex ISE-100 in der Spitze zu. Finanzwerte führten die Gewinnerliste an. „Das Wahlergebnis verspricht politische Stabilität und markiert einen neuen Anfang für die türkische Wirtschaft“, erklärt Serhan Cevik, Türkei-Chefvolkswirt bei Morgan Stanley den Optimismus. „Die Wähler haben ein Mandat für wirtschaftliche und institutionelle Reformen erteilt.“ Das sei „überaus positiv für den Markt“, meint auch Mehmet Ilgen, Händler bei Ata Invest in Istanbul.

Nach dem ersten Höhenflug sind die Kurse am Bosporus zwar zunächst wieder unter Abgabedruck geraten. Aktienhändler sehen in den Gewinnmitnahmen aber eine willkommene Korrektur und bleiben optimistisch. Der Istanbuler Aktienindex, der sich seit dem Amtsantritt der Regierung Erdogan Ende 2002 bereits verfünffacht hat, wird nach übereinstimmender Einschätzung auch in den kommenden Monaten weiter zulegen. Die Regierung werde ihren Kurs der marktwirtschaftlichen Öffnung und Haushaltskonsolidierung fortsetzen, meint Manfred Zourek, der bei der österreichischen Sparinvest den Fonds Espa Stock Istanbul managt. „Für die makroökonomische Entwicklung sollte das für die kommenden Jahre weiterhin starke Wachstumsraten und rückläufige Inflationsraten bedeuten – alles in allem ein positives Umfeld für den Aktienmarkt.“

Obwohl der ISE-100 seit Jahresbeginn bereits um 37 Prozent zugelegt hat, hält Zourek den Markt nicht für überteuert, denn die Unternehmensgewinne entwickeln sich ebenfalls positiv. Auf Basis der Gewinnschätzungen der kommenden zwölf Monate liege das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Gesamtmarktes derzeit bei etwa elf bis zwölf. Damit seien türkische Aktien günstiger bewertet als ungarische, polnische oder tschechische.

Zwar könnte die nun Mitte August anstehende Kür eines neuen Staatspräsidenten den innenpolitischen Konflikt neu aufbrechen lassen, der im Frühjahr bereits zu den vorgezogenen Parlamentswahlen führte. Die meisten Beobachter erwarten aber allenfalls eine vorübergehende Verunsicherung der Märkte. Positive Impulse könnte dagegen schon bald die Zentralbank geben: Nachdem die türkischen Währungshüter den Leitzins im vergangenen Jahr auf 17,5 Prozent hochschraubten, erwarten Analysten angesichts rückläufiger Inflationszahlen nun eine Lockerung der Geldpolitik. Cevik von Morgan Stanley rechnet damit, dass die Notenbank den Leitzins bis Jahresende um 75 Basispunkte senkt. Dies könnte vor allem die bisher eher schleppende Binnennachfrage nach langlebigen Konsumgütern ankurbeln. Morgan Stanley hat deshalb die Wirtschaftswachstumsprognose für 2007 von 5,6 auf sechs Prozent heraufgesetzt. Für 2008 rechnet die Bank gar mit einem Plus von 8,5 Prozent statt bisher veranschlagter 7,2 Prozent.

Von künftigen Zinssenkungen dürften vor allem die bereits bisher favorisierten Finanztitel profitieren. Die Deutsche Bank stufte jüngst die Geldinstitute Garanti, Isbank und Yapi Kredi sowie den Versicherer Aksigorta als „Kauf“ ein. Das Institut empfiehlt zudem Aktien der beiden größten türkischen Konglomerate Koc und Sabanci, des Autoproduzenten Tofas und des Hausgeräteherstellers Vestel.

Deutsche Anleger stehen beim Kauf türkischer Aktien allerdings vor großen Hürden. Seit Anfang 2006 werden die Papiere nicht mehr an deutschen Börsen gehandelt. Wer direkt an der Istanbuler Börse kaufen will, benötigt eine türkische Steuernummer – ein langwieriges und kostspieliges Verfahren. Besser bedient sind Kleinanleger mit türkischen Aktienfonds. Auch viele Osteuropa-Fonds mischen türkische Aktien bei.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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