Börse Inside
Analysten erwarten an Brasiliens Börse weitere Kurssteigerungen

Brasiliens Zentralbank hat die Leitzinsen um 1,5 auf nun 24 % gesenkt. Mit dem größten Zinsschritt seit vier Jahren hat die Notenbank deutlich gemacht, dass sie einer Konjunkturerholung nicht weiter im Weg stehen will. Verbessert haben sich damit auch die Aussichten für die Börse.

SAO PAULO. Investmentbanken in Brasilien erwarten, dass die Aktienkurse an der Börse in São Paulo (Bovespa) weiter steigen werden. Nach einer Umfrage des Finanzdienstleisters Thomson Financial rechnen die Analysten damit, dass der Index in den nächsten zwölf Monaten um 36 % zulegen wird. Bereits im ersten Halbjahr er 15 % gewonnen. Auf Dollarbasis hat der Bovespa-Index wegen der Stärke des Reals sogar 41 % zugelegt.

Nach Ansicht der befragten 153 Analysten werden Aktien der Branchen Petrochemie (+56%), Telekom (+48%), Medien und Internet (+46%), Energie und Wasser/Abwasser (+42%) überdurchschnittlich zulegen. Unterdurchschnittliche Kursgewinne erwarten die Experten für die Branchen Stahl, Flugzeugbau, Papier und Zellulose. Die Aktien in diesen Branchen wie der Flugzeugbauer Embraer oder der Stahlhersteller CSN haben bereits im ersten Halbjahr stark zugelegt.

Von den sinkenden Zinsen werden jedoch nicht alle Aktien profitieren: „Erst steigen die Kurse der Unternehmen, deren Umsätze vorwiegend kreditabhängig sind“, sagt Julio Ziegelmann von Bank Boston Asset Management, also etwa der Bauzulieferer Duratex oder der Einzelhandelskonzern Pão de Açucar. „Auch verschuldete Unternehmen können wegen der sinkenden Zinskosten wieder aufatmen, wie etwa die Wasserversorger Sabesp, der Stahlkonzern Usiminas oder Brasil Telecom“, weiß Marcelo Mesquita von UBS Warburg.

Auf positive Überraschungen hoffen die Analysten zudem für die Branchen Telekom und Strom. Ziegelmann von Bank Boston erwartet „operativ höhere Umsätze der Telcos, als die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erwarten lassen". Monica Araújo von Espírito Santos Securities sieht bei einzelnen Telekomtiteln enormes Kurspotenzial: „Tele Celular Sul und Tele Nordeste Celular könnten ihren Kurs schnell verdoppeln“. Voraussetzung sei, dass die Regierung bald das Regelwerk für die Branchen Telekom und Energie festlegt. Noch basteln die Ministerien an den Entwürfen und die zähen Verhandlungen haben die Kursverluste Anfang 2003 mit verursacht. „Die Investoren fürchten, dass die Regierung sich doch noch bei den Regulierungsbehörden einmischen könnte“, sagt Alexandre Falcão von Itaú Corretora.

Entscheidend für die langfristigen Aussichten der brasilianischen Börse ist jedoch, ob die Regierung des Links- Mitte-Präsidenten Luis Inácio Lula da Silva ihren angestrebten Reformkurs durchhalten kann. Bei der Diskussion über die Rentenreform konnte der Präsident eine drohende Niederlage gegenüber dem Kongress gerade noch vermeiden, steht aber weiter mächtig unter Druck: Ein Beamtenstreik legt das Land lahm. Die Justiz droht die Rentenreform als verfassungswidrig zu blockieren.

Die Investoren nutzten die unklare Situation im Juni zu ersten Gewinnmitnahmen. „Wenn sich die Reformdebatte zu lange hinzieht, dann besteht die Gefahr, dass die Investoren ihre Gewinne in Brasilien erstmal sichern wollen“, sagt John Welch, Lateinamerika-Experte der WestLB. „Lulas Performance ist entscheidend für die Entwicklung an der brasilianischen Börse“, sagt der Marc Mobius von Templeton Investments, „wir müssen ihn genau beobachten.“

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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