Analystenfehler
Verheerende Anlagetipps von Experten

Wer beim Börsentief im März auf die Anlagetipps der Wall-Street-Analysten gehört hat, verpasste nicht nur die stärkste Aktienrally seit sieben Jahrzehnten. Er verlor sogar mehr Geld, als er eingesetzt hat. Der Fehler der Experten: Sie verlassen sich zu stark auf die Fundamentaldaten.

NEW YORK. Bloomberg-Daten zufolge machten Anleger bis zu 6 000 Dollar Miese, wenn sie für 10 000 Dollar Aktien aus den Branchen mit den besten Empfehlungen gekauft und Titel der von Analysten geschmähten Sektoren leer verkauft hatten.

Die Analysten sahen nicht voraus, dass Unternehmen mit der schwächsten Gewinnentwicklung an der Börse am stärksten zulegen würden. "Sie folgen den Fundamentaldaten", sagt Fondsmanager Romain Boscher von Groupama Asset Management in Paris. "Dies ist aber eine von der Stimmung getriebene Erholung." Das US-Börsenbarometer S&P 500 Index legte 45 Prozent zu, seit es vor fünf Monaten auf den tiefsten Stand seit zwölf Jahren gefallen war. Am stärksten erholten sich dabei gerade die Aktien, die Analysten zum Verkauf empfohlen hatten. Die Branchenindizes für Finanzunternehmen und Einzelhändler im S&P 500 stiegen seit 9. März um mehr als 56 Prozent. Die Experten von Citigroup, Bank of America und mehr als einem Dutzend anderer Banken rieten stattdessen zu US-Pharma-Werten und europäischen Energie-Titeln.

Fundamental lagen sie mit diesen Defensivtiteln in der Rezession richtig. US-Pharmakonzerne konnten ihre Erträge so stark steigern wie keine andere Branche. In Europa war der Versorger-Sektor der einzige von zehn Sektoren, in dem die Unternehmen ihren Gewinn im ersten Quartal ausweiten konnten.

Die Entwicklung an der Börse lief allerdings vollkommen anders. Während der globale Börsenindex in den vergangenen fünf Monaten 50 Prozent zugelegt hat, hinkten Pharma- und Versorgerwerte der Rally um mehr als 22 Prozentpunkte hinterher.

Ein Beispiel für gründliche Fehleinschätzungen ist die Aktie des Kreditkartenriesen American Express. Fast die Hälfte der Experten, die sie beobachten, riet zum Verkauf. Grund war die Sorge, dass das Verbrauchergeschäft einbrechen würde und Amex die Dividende kürzen muss. Citigroup riet am 11. März, die Titel des Wettbewerbers Visa zu kaufen und die Aktie von American Express leer zu verkaufen. Anleger, die dieser Empfehlung folgten und die Strategie beibehielten, bis Citigroup Amex einen Monat später hochstufte, verloren zwölf Prozent ihres Einsatzes.

Die Brokerhäuser hätten nicht erkannt, dass in die Aktien von Banken und Rohstoffunternehmen die Verluste während der Rezession schon eingepreist gewesen seien, sagt der Citigroup-Chefstratege für die USA, Tobias Levkovich. Rohstofftitel kletterten im MSCI Europa um mehr als 53 Prozent.

Fondsmanager Yves Maillot von Robeco Asset Management sagt, die Analysten hätten ihre Prognosen überzogen niedrig angesetzt. Viele Anleger hätten die Lage aber gleichfalls falsch eingeschätzt.

Quelle: Bloomberg

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