Anlagestrategie
Scheinheilige Aktien

Oft überstrahlt der Nimbus einer Marke, eines Produkts oder eines Konzernchefs sogar harte Fakten. Andreas Feiden von der Fondsgesellschaft Fidelity über den „Heiligenscheineffekt“ in der Geldanlage.
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Der Psychologe Edward Thorndike beobachtete bei US-Streitkräften im Ersten Weltkrieg, dass Soldaten, die von ihren Vorgesetzten etwa für eine Eigenschaft wie körperliche Fitness Bestnoten erhielten, automatisch auch in völlig anderen Bereichen wie Führungsqualitäten überdurchschnittlich beurteilt wurden. Dafür prägte Thorndike den Begriff „Heiligenscheineffekt“. Nachfolgende Forschungen haben den Einfluss von Merkmalen wie Attraktivität und Größe auf unser Urteilsvermögen bestätigt – zum Beispiel im Zusammenhang von Geschworenengerichten, bei denen attraktive Angeklagte seltener für schuldig befunden werden und in der Regel mit milderen Urteilen rechnen können als weniger ansehnliche Menschen.

Auch in der Welt der Geldanlage schlägt der Heiligenscheineffekt zu Buche. So kann sich ein Nimbus um die Marke, Produkte oder den CEO eines Unternehmens legen und harte Fakten wie die Profitabilität des Unternehmens in den Schatten stellen. So kann der Kurs schon mal weit über den tatsächlichen Unternehmenswert hinaussteigen. Während ein negativer Abglanz dazu führen kann, dass eine Aktie unter ihren angemessenen Wert fällt. Beispiel BP: Seit dem Deepwater Horizon Umweltdesaster leidet der Kurs der Mineralölgesellschaft unverhältnismäßig aus rein rationaler Investorensicht und mit Blick auf das Branchenrisiko.

Zu den ganz großen Profiteuren des Überstrahlungseffekts gehört dagegen Apple. Bei Marken neigen Verbraucher dazu, aufgrund positiver Produkterfahrungen dem Hersteller auch als Anleger den Vorzug zu geben. Wer am iPod einen Narren gefressen hatte, musste unbedingt auch die anderen Apple-Produkte wie Macbook, iPhone und iPad haben – und einige auch die Aktie.

Rund sieben Milliarden US-Dollar betrug der Marktwert von Apple vor zehn Jahren. Im September 2012 erreichte er bei 658 Milliarden US-Dollar seinen vorläufigen Zenit. Seither hat die Apple-Aktie mehr als 250 Milliarden US-Dollar an Wert verloren und ist kürzlich unter die 400-Milliarden-Marke gerutscht.

Wie kann es sein, dass der Wert, den der Markt noch vor wenigen Monaten Apple zuwies, in so kurzer Zeit um 250 Milliarden US-Dollar abgeschmolzen ist? Für eine so massive Kurskorrektur gibt es keine substanziellen Gründe. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, dass der Heiligenschein von Apple für Anleger an Strahlkraft eingebüßt hat. Der Markt hatte eine extrem positive Wahrnehmung von Apple, inzwischen aber hat sich die Stimmung gedreht.

Kommentare zu " Anlagestrategie: Scheinheilige Aktien"

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  • Apple stand in 00 bei 140-fiel dann auf 7 in 03 und erreichte im September 12 die 700.
    Allein dieser Kursverlauf sagt doch schon,dass die Börse zu 97% aus Spekulation besteht.Sicher ist nur die Dividende-so denn eine gezahlt wird.Das heißt,wenn ich eine Diviidendenrendite zu 3% bekomme,gehe ich trotzdem mit 97% in´s Risiko.

  • Was ist jetzt daran so aufregend? Finanzmärkte sind eben Fakten und Möglichkeiten. Leider berücksichtigen die Modelle nur die Fakten - und die Finanzindustrie tut dann überrascht, wenn ein "Heiligenschein" dazukommt, eben als Möglichkeit. Gott-sei-dank gibt es Lösungen dafür.

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