Anleger an der Istanbuler Börse haben die jüngsten Terroranschläge verarbeitet
Am Bosporus übernehmen die Bullen wieder das Kommando

Nach den Terror-Anschlägen vom 20. November ist an der Istanbuler Börse von Krisenstimmung nichts mehr zu spüren. Nach einem anfänglichen Sturzflug, an den sich auf Grund des islamischen Bayram eine einwöchige Pause anschloss, verflüchtigte sich die Panikstimmung.

ISTANBUL. Bereits in der ersten regulären Sitzung nach den Anschlägen konnte der ISE-100-Index mit einem Plus von 9,51 % den vorangegangenen Verlust mehr als wettmachen. Seither ging es aufwärts. Am Montag notierte der ISE bei 16 891 Punkten, ein Anstieg von 15,5 % seit den Anschlägen und ein Plus von fast 63 % seit Jahresbeginn.

„Die positiven fundamentalen Gegebenheiten haben sich durch die Terrorwelle nicht verändert“, meint JP Morgan-Analyst Cebeci. Vor allem die makroökonomischen Vorgaben sind günstig. Schneller als erwartet hat sich das Land von der schweren Finanzkrise Anfang 2001 erholt. Das wirtschafts- und finanzpolitische Sanierungsprogramm, das die Türkei in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) umsetzte, greift. Die Inflation fiel im November erstmals seit 26 Jahren unter die Marke von 20 %. Die Konsolidierung des problematischen Bankensektors, die Achillesferse der türkischen Wirtschaft, kommt gut voran. Mit jeweils rund 5 % Wirtschaftswachstum rechnet die Türkei in diesem und im kommenden Jahr, ohne dass es bisher Anzeichen einer Überhitzung gibt. Und seit dem Wahlsieg der gemäßigt islamischen AKP-Partei vor einem Jahr herrscht überdies relative innenpolitische Stabilität.

Obwohl der Istanbuler Aktienmarkt bereits gut gelaufen ist, sehen die meisten Analysten dennoch weiteres Aufwärtspotential. Deutlich besser als der Index entwickelten sich jüngst Bankaktien. Zu Engagements in Einzeltiteln der Istanbuler Börse raten die Analysten aber nur Anlegern, die mit dem Markt gut vertraut sind. Für ausländische Investoren bieten sich Instrumente wie ein Türkeizertifikat der Dresdner Bank an, das zwölf Blue Chips enthält.

Die mit einem Türkei-Engagement verbundenen Risiken, aber auch die Chancen illustriert die Wertentwicklung des von der Frankfurter Ceros gemanagten Fonds Türkei 75 Plus. Das Papier kletterte nach dem Start Ende 1998 binnen weniger Monate von 38 auf fast 140 Euro, fiel dann aber binnen zwei Jahren unter 40 Euro zurück. Von August bis Oktober 2003 kletterte der Kurs des Fonds von gut 39 auf rund 58 Euro.

Für neue Impulse könnte schon in Kürze die Politik sorgen. Am kommenden Sonntag finden Parlamentswahlen im türkisch kontrollierten Nordzypern statt. Gewinnen die Oppositionsparteien, die auf eine Wiedervereinigung der geteilten Insel hinarbeiten wollen, würde sich damit auch die EU-Beitrittsperspektive der Türkei verbessern. „Ein Sieg der Opposition in Nordzypern könnte eine Rally am Istanbuler Markt auslösen“, glaubt daher Murat Gülkan, Analyst beim Brokerhaus Bender Securities.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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