Anlegerschutz
„Viele Anlageprodukte hätte es nie geben dürfen“

Der Aufschrei nach den Pleiten von Lehman Brothers und Kaupthing war groß. Doch in Berlin könnte das Thema Anlegerschutz schnell wieder unter den Tisch fallen, fürchtet Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen. Im Interview mit Handelsblatt.com erklärt er, wie die Politik Bankkunden wirkungsvoll schützen kann, was die Banken tun müssen und welche Verantwortung die Anleger selbst tragen.

Herr Schick, nach den Pleiten von Lehman Brothers und Kaupthing hat die Politik das Thema Anlegerschutz entdeckt. Was ist jetzt, mehr als ein halbes Jahr später, schon passiert?

Leider viel zu wenig. In Berlin sehe ich nicht viel mehr als halbherzige Bemühungen. Der Entwurf von Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner, die mit dem Schuldverschreibungsgesetz auch Verbesserungen im Anlegerschutz erreichen will, geht am Kern des Problems vorbei. So sinnvoll eine Verlängerung der Verjährungsfrist von drei auf zehn Jahren und bessere Dokumentationspflichten sind - was wir vor allem brauchen, ist eine Beweislastumkehr von den Anlegern zu den Banken. Und die sieht der Entwurf nicht vor.

Immerhin reagiert die Regierung auf die Missstände in der Zertifikatebranche, die ja eines der zentralen Problemfelder in Deutschland zu sein scheint.

Der Eindruck täuscht. Die kleinen Verbesserungen im Schuldverschreibungsgesetz werden den Missständen am Zertifikatemarkt nicht gerecht. Vor allem aber müssen wir weg von dem Blick auf einzelne Teilmärkte und insgesamt ein konsistentes Schutzniveau erreichen. Was wir brauchen, sind einheitliche Transparenzvorschriften für alle Anlagebereiche und einen Gesamtplan, wie man das Kräfteverhältnis von Banken und Anlegern zugunsten der Kunden verbessern kann. Am dringendsten sind gesetzliche Regelungen bei den geschlossenen Fonds. Auch bei Lebensversicherungen gibt es einen enormen Handlungsbedarf: Die Hälfte aller Policen werden vor Ablauf gekündigt werden, so dass wegen der Provisionen oft der Versicherte keinen Cent damit verdient hat. Das kann nicht sein.

Sie sehen die Schuld für Verluste und fehlgeschlagene Anlagen ausschließlich bei den Banken?

Nein. Die Last ist auf verschiedene Schultern verteilt. Große Defizite gibt es sicherlich in der Politik, die Anlegerschutz jahrelang vernachlässigt hat und es versäumt hat, einen effizienten Regulierungsrahmen für die Bankenbranche zu schaffen.. Aber die Banken müssen sich natürlich ebenso fragen lassen, was sie getan haben, um Anleger vor Verlusten zu schützen. Das passiert leider immer noch viel zu zögerlich. Es ist unsäglich, wie sich Produktentwickler und Vertriebe zurzeit in einem Ping-Pong-Spiel den schwarzen Peter zuschieben. Natürlich muss man den provisionsgetriebenen Verkauf in den Vertrieben stoppen. Gleichzeitig gab und gibt es aber zahlreiche Produkte, die nie das Licht der Welt hätten erblicken dürfen, weil es für Anleger von vorneherein unmöglich war, Gewinne zu erzielen.

Und welche Verantwortung tragen die Anleger selbst?

Ich bin erschrocken darüber, wie wenig sich in den Köpfen der Anleger getan hat. Statt die Lehren aus der Krise zu ziehen, lassen sie sich von den Banken immer noch mit einzig auf Produkten ausgerichteten Kampagnen locken, ohne zu hinterfragen, ob diese Produkte für sie die richtigen sind. Ich habe aber die Hoffnung, dass der weitere Verlauf der Krise Banken und Anleger zu einem Umdenken zwingen wird.

Wohin sollte dieses Umdenken führen?

Wir müssen endlich weg von der provisionsgetriebenen Bankberatung und hin zur Honorarberatung. Hierfür muss ein Umdenken in den Köpfen erfolgen, die Bankkunden müssen lernen, dass sie für Dienstleistungen auch bezahlen. Ich glaube, dass dies gelingen kann, wenn die Banken gezwungen werden, die Provisionszahlungen uneingeschränkt offen zu legen. Wenn Anleger einen ehrlichen und transparenten Kostenvergleich haben, werden sie die Vorteile der Honorarberatung schnell erkennen.

Und wie realistisch ist es, dass die Politik die entscheidenden Weichen in diese Richtung stellt?

Da bin ich leider skeptisch. Ich sehe die Gefahr, dass bei Union und SPD das Thema Anlegerschutz mit dem Ende der Finanzkrise schnell wieder von der Tagesordnung verschwindet. Wenn niemand mehr über Lehman Brothers oder Kaupthing spricht, wird das Interesse wieder abebben, noch ehe Lösungen gefunden sind. Es gibt jetzt ein Zeitfenster, in dem es möglich ist, einen besseren Anlegerschutz in Berlin durchzusetzen. Wenn etwas geschehen soll, dann muss es jetzt geschehen.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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