Aus der Handelsblatt-Literaturbeilage
Froh, wer fern von Geschäften lebt

Wer Andre Kostolany richtig böse will, der nennt ihn einen selbstgewissen Schwätzer. Doch über Tote nichts Schlimmes, und so mutiert der 1999 gestorbene Ungar erst recht in der Rückschau zum Kolumnisten des ironischen Apercu, zum geistreichen Alter ego der Börsenwelt, zum hintersinnigen Analytiker des Anlagekults.

Quelle: Handelsblatt Nr. 058 vom 22.03.2000

All das trifft zu. Und doch enttäuscht das letzte Buch des Andre Kostolany ein wenig selbst den Leser, der sich von den Weisheiten des Ungarn bisher fern gehalten hat. Deutlich spürt auch er, dass der Altmeister in seinem Vermächtnis nicht mehr viel Neues zu bieten hat, dass schon in der Schrift selbst die Wiederholungen gelungener Bonmots sich häufen. Wer Kostolanys Kolumnen oder frühere Bücher gelesen hat, den werden die 40 Mark möglicherweise reuen.

Kaufe, wenn die anderen verkaufen

Ist es Ironie, wenn der Spekulant sich in dem Buch selbst freudig überrascht gibt, dass Menschen bereit sind, für seine Anmerkungen Geld auszugeben? Die Qualität der Erkenntnis ist dadurch freilich nicht getroffen, der nüchtern-wägende Blick Andre Kostolanys auf die Exaltiertheiten vor den Bildschirmen oder auf dem Parkett, auf die in guten wie in schlechten Zeiten überzogenen Aufgeregtheiten an der Börse ist einfach und überzeugend zugleich, den vielen Börsenneulingen zur Lektüre empfohlen.

In kaum wahrnehmbarer Form eines Lehrbuchs erklärt der Ungar die Welt der Börse, der Arbitrage und des Optionshandels, der Devisentermingeschäfte und der Hedge Fonds, der ewigen Wiederkehr von Hausse und Baisse, von Boom und Krise. Konkrete Anlagetipps darf man dabei nicht erwarten, Kostolany beschränkt sich auf Allgemeines und gibt Ratschläge, die inzwischen in jeder Einführung zum Thema zu finden sind: Kaufe antizyklisch, wenn die Zittrigen verkaufen. Sei hart und zäh, wenn Du überzeugt bist.

Oder, noch simpler, habe Ideen und handle mit Überlegung. Von Kostolany niedergeschrieben, mutieren solche Allgemeinplätze zu tiefen Weisheiten, Erklärungen geraten ihm zu mehr als reinen Beschreibungen. In väterlichem Ton warnt er nicht nur den Kleinanleger vor der Sucht nach Informationen und heißen Tipps, die nur von einer ruhig geplanten Geldanlage ablenken. Er schimpft über die Makler, die nichts anderes im Sinn hätten, als an den Provisionen für Geschäfte zu profitieren. Er verteufelt die Börsenspieler als "Parasiten" des Aktienhandels. Er wettert über die "Golden Boys", die seit den 80er Jahren die Börse zu einem Kasino werden ließen. Und er benennt die Börsengurus als das, was sie sind, Scharlatane.

Das ist entlarvend und ernüchternd zugleich und ist eingebettet in eine Fülle historischer Begebenheiten, die der 1906 geborene Kostolany oft genug hautnah miterlebt hat. Da geht es vom Börsenkrächle 1987 zum echten Crash 1929 und zurück zum Neuen Markt, den Kostolany als "Spielhölle mit gezinkten Karten" beschreibt.

Im Reigen der Geschichte darf auch die große Politik nicht fehlen. Geld und Psychologie treiben die Börse, und so wundert es nicht, dass Kostolany der leichten Geldentwertung zuneigt, den inflationsdämmenden Goldstandard verurteilt, die harte Politik der Deutschen Bundesbank und die Stabilitätskur des Maastricht-Vertrags als wachstumshemmend geißelt. Der Europäischen Zentralbank wünscht der Erfolgsautor, sie möge ein wenig lockerer als die Bundesbank die Wirtschaft mit Geld beflügeln.

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