Bankenkrise und Finanzchaos: „Die Banken schaffen Geld aus dem Nichts“

Bankenkrise und Finanzchaos
„Die Banken schaffen Geld aus dem Nichts“

Kapriolen am Aktienmarkt, Angst vor China: Schlittern wir wieder ins Finanzchaos? Der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger erklärt, wie sich das Risiko um einiges verringern ließe.

Herr Binswanger, steuern wir gerade wieder auf eine neue Bankenkrise zu?

Eine aktuelle Gefahr besteht nicht. Es gibt keinen Grund, warum unmittelbar eine Bankenkrise bevorstehen sollte.

Skeptiker sehen genügend Anhaltspunkte: Die Konjunktursorgen in China, die niedrigen Rohstoffpreise und die anhaltend niedrigen Zinsen. Alles kein Problem?

Das Wachstum in China und die Rohstoffpreise sind eher kurzfristige und konjunkturabhängige Faktoren, die sich auch schnell wieder ändern können. An den Börsen wird das stark übertrieben. Wenn China nur noch mit 6,5 Prozent statt sieben Prozent wächst, dann hält sich der Einfluss auf die Weltwirtschaft letztlich in Grenzen.

Und die niedrigen Zinsen?

Hier sieht es anders aus. Die schon lange andauernde Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank wirkt einfach nicht so wie angekündigt. Die EZB schafft es nicht, die Banken zu mehr Krediten an Unternehmen zu bewegen, um so die Realwirtschaft zu stützen. Stattdessen werden mehr Immobilienkredite vergeben. Trotz der Unmengen an Zentralbankengeld, das den Banken durch Wertpapierkäufe zur Verfügung gestellt wird, gelingt es der EZB kaum, die Kreditvergabe und damit die Wirtschaft in Europa anzukurbeln.

Und wohin fließt das viele Geld?

Das Geld, welches die Banken für den Verkauf von Wertpapieren an die EZB erhalten, bleibt hauptsächlich auf Guthaben der Banken bei der EZB liegen. Hierbei handelt es sich ja noch nicht um Geld, das tatsächlich in der Wirtschaft für Zahlungszwecke in Umlauf gekommen ist, sondern es entsteht nur zusätzliches Zentralbankengeld in Form von Reserven, also Guthaben der Geschäftsbanken bei der Zentralbank.

Geschäftsbanken haben heute doch ohnehin die Möglichkeit, selbst Geld zu schaffen.

Wir haben nach wie vor die Vorstellung, dass Banken das Geld von Sparern einsammeln und dann gegen Zinsen ausleihen an Kreditnehmer. Diese Vorstellung aber ist in unserem heutigen Bankensystem grundlegend falsch. Geld wird geschaffen über Kreditvergabe. Wenn eine Bank entscheidet, dass ein Kunde kreditwürdig ist und ihm das Geld auf seinem Konto gutschreibt, dann steigt in diesem Moment auch die Geldmenge an.

Das heißt, die Bank schafft neues Geld. Reserven von der Zentralbank brauchen die Banken erst dann, wenn die Kunden Bargeld beziehen. Und sie müssen zusätzlich die Mindestreserveanforderungen erfüllen.

Was passierte mit dem Geld, das neu geschaffen wurde?

Es gibt mehrere Möglichkeiten. Entweder es wird in der Realwirtschaft verwendet, wenn Unternehmen damit beispielsweise ihre Investitionen finanzieren. Das führt dann zu Wirtschaftswachstum. Oder es wird verwendet, um bereits bestehende Güter oder Dienstleistungen zu kaufen – dann ist das Resultat Inflation. Die dritte Variante aber gewinnt immer mehr an Bedeutung: Das Geld wird auf dem Finanzmarkt oder dem Immobilienmarkt ausgegeben und bildet so den Nährboden für neue Spekulationsblasen

Läuft diese Entwicklung nicht schon längst?

Die Zentralbanken wollen mit den niedrigen Zinsen eigentlich erreichen, dass mehr Geld in der Realwirtschaft ausgegeben wird. Typischerweise vergeben die Banken aber genau solche Kredite nur ungern, weil sie aufwändige Abklärungen bedingen und riskant sind. Man muss gerade bei kleinen Unternehmen genau prüfen, wie kreditwürdig sie sind.

Am Ende heißt das: viel Aufwand für wenig Ertrag. Immobilienkredite hingegen werden standardisiert vergeben, der Aufwand ist dementsprechend gering. Dieses Dilemma haben die Zentralbanken bis heute nicht gelöst.

Seite 1:

„Die Banken schaffen Geld aus dem Nichts“

Seite 2:

Haben wir eine Immobilienblase?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%