Begeisterung für die Börse
Chinesen suchen das schnelle Geld

Jeden Tag werden in China rund 350 000 Aktiendepots eröffnet, ingesamt sind es inzwischen mehr als 100 Millionen. Das belegen Daten der China Securities Depository and Clearing Corporation. Trotzdem sei ein möglicher Crash am Aktienmarkt zumindest für die Wirtschaft kein Problem, sagen Experten. Gleichzeitig warnen sie jedoch vor enttäuschten Kleinanlegern.

HB SCHANGHAI. Der Grund für den Aktienrausch ist Analysten zufolge die Verlockung des schnellen Geldes. Der Leitindex in Schanghai schloss am Dienstag erneut auf einem Rekordhoch von über 4 300 Punkten und liegt damit gut 60 Prozent höher als zu Jahresbeginn.

Anleger am chinesischen Aktienmarkt dürfen bis zu sechs Depots gleichzeitig führen. Schätzungen zufolge halten 50 Millionen Chinesen Aktien. Das entspricht weniger als vier Prozent der Gesamtbevölkerung. Beobachter sehen anhand dieser Zahlen ein hohes Potenzial für weiteres Wachstum. Denn trotz der derzeitigen Börseneuphorie machen Aktien noch immer nur einen sehr geringen Teil am Vermögen der allermeisten Chinesen aus. Nach Berechnungen von Morgan Stanley sind nur etwa 20 Prozent des privaten Finanzvermögens in Aktien angelegt – insgesamt etwa 680 Milliarden Dollar.

Ein Börsencrash in China würde die boomende Wirtschaft des Landes nach Ansicht von Volkswirten daher auch kaum bremsen. Immerhin haben die Privatanleger den rasant wachsenden Wert ihrer Depots bislang kaum dazu genutzt, den Konsum kräftig zu steigern, erläutert Volkswirt Carl Weinberg von High Frequency Economics: „Chinas Wirtschaftswunder ging dem Börsenboom voraus und wird ihn auch überleben.“ „Es gibt keinen Konsumboom, den irgendjemand rückgängig machen könnte", sagt auch Jonathan Anderson von UBS. Einer in den USA gebräuchlichen Faustformel zufolge würde auch ein 30-prozentiger Kursrutsch an der chinesischen Börse das BIP-Wachstum des asiatischen Staates nur um 0,2 Prozentpunkte schmälern - und angesichts des zweistelligen Wachstums kaum ins Gewicht fallen.

Auch der Bankensektor des Landes dürfte den Experten zufolge glimpflich davonkommen, falls eine Aktienblase platzt. Eigentlich dürfen die Banken des Landes ihren Privatkunden keine Kredite für Aktienkäufe geben. Obwohl dies in der Praxis oft geschieht, dürften sich die Kreditausfälle im Rahmen halten. Allerdings warnt der China-Experte Qing Wang von Morgan Stanley vor sozialen Unruhen, da enttäuschte Privatanleger die Regierung für ihre Verluste verantwortlich machen könnten.

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