Bitcoin-Börse Bitfinex: 700 Prozent Rendite für die Hacker

Bitcoin-Börse Bitfinex
700 Prozent Rendite für die Hacker

Die einen schlossen Hebelwetten auf Bitcoins ab, andere liehen ihnen Geld – nun müssen beide Nutzergruppen der Bitcoin-Börse Bitfinex zahlen. Am Ende haben ihre Deals vor allem die Hacker reich gemacht.

Tokio/DüsseldorfJahrelang konnte Tian Jia seinem Vermögen beim Wachsen zusehen. Und es wuchs schnell, denn Jia erzielte Renditen, von denen andere Anleger nur träumen können. Das ging so: Tian, ein 29 Jahre alter Programmierer aus Peking, hatte etwa 440.000 Dollar auf einem Konto bei der Bitcoin-Börse „Bitfinex” in Hongkong deponiert. Dieses Geld lieh er Händlern, die damit ihre Wetten auf die Kryptowährung hebelten. Das ist das Prinzip von Bitfinex: Gläubiger leihen Händlern Geld, mit denen sie ihre Wetten Hebeln können. Damit das funktioniert, müssen beide ihre Konten bei der Plattform eröffnen. Jia konnte selbst bestimmen, wie viel Zinsen er für sein Geld verlangte. Einige Händler waren ihm zufolge bereit, Zinsen zu bezahlen, die einer Jahresrendite von mehr als 700 Prozent entsprachen.

„Die Gewinne waren großartig”, kommentiert Jia sein Geschäftsmodell. An manchen Tagen verdiente er so viel, wie Besitzer von US-Anleihen in einem Jahrzehnt. Doch in der vergangenen Woche hörte Jias Bitcoin-Geldbaum plötzlich rapide auf zu wachsen. Der Grund: Bitfinex wurde gehackt. Gestohlen wurden 119.756 Bitcoins im Wert von etwa 70 Millionen US-Dollar. Nun muss Jia, wie auch andere Gläubiger, für die Verluste der Börse gerade stehen und zwar mit 160.000 Dollar, etwa 36 Prozent seines Kontowertes. Das würde seine Profite nicht nur komplett zunichte machen, sondern ihm darüber hinaus auch noch Verluste bescheren.

Schlimmer noch. Die erzwungene Börsenrettung könnte sich als das kleinere Übel herausstellen. Vertreter von Bitfinex, vor dem Hackerangriff größte Bitcoin-Dollar-Börse der Welt, glauben, dass die Rettung der Börse durch Dollar-Gläubiger der beste Weg sei, um die Insolvenz des Unternehmens zu vermeiden und so noch mehr Verluste zu verursachen. Die Börse hofft, den Anlegern das Geld später zurückzahlen zu können. Das Verfahren dazu mutet jedoch alles andere als seriös an. So erhalten die Gläubiger Bitfinex-Gutscheine, welche sich später als Aktien der Muttergesellschaft der Bitcoin-Börse einlösbar wären. So wolle man die Gläubiger schon jetzt an künftigen Profiten des Unternehmens beteiligen. Außerdem hat Börsenchef Zane Tackett angekündigt, die Finder der gestohlenen Bitcoins mit fünf Prozent des wiedergewonnenen Geldes zu beteiligen.

Börsengläubiger wie Jia müssen nun entscheiden, ob sie sich auf den Bitfinex-Deal einlassen, oder vor Gericht ziehen. „Ein Rechtsstreit bedeutet auch Risiko”, gibt Jia zu bedenken. Seine Verluste findet er noch verkraftbar, er habe Schlimmeres erwartet. „Einige Fragen bleiben aber doch, vor allem, was die Kompensation der Verluste durch die Börse betrifft”, so Jia. Wie kommen zum Beispiel die 36 Prozent zustande, welche die Gläubiger auf ihr bei der Börse hinterlegtes Kapital zahlen müssen? Und ist es rechtlich überhaupt sichergestellt, dass die Gutscheine von Bitfinex sich später tatsächlich in Firmenanteile umwandeln lassen? Die Börse selbst hat sich du diesen Fragen bislang nicht geäußert. Schon jetzt haben die Gutscheine, die zum Wert von 70 Millionen Dollar ausgegeben wurden, mehr als ein Drittel ihres Wertes verloren und sind nur noch 21 Millionen Dollar wert (Stand 11. August).

Immer wieder schaffen es die Bitcoin-Skandale in die Schlagzeilen. So zum Beispiel auch der Skandal um die Bitcoin-Börse Mt. Gox, bei der Hacker rund 480 Millionen Dollar gestohlen haben. Die Firma musste Insolvenz anmelden, die Nutzer der Plattform warten immer noch auf ihr Geld.

Problematisch auch: Die Bitcoin-Börsen sind kaum reguliert. Deshalb ist der Gang vor Gericht, wie Jia zu bedenken gibt, keinesfalls erfolgsversprechend. Die Zentralbank von Hongkong, wo Bitfinex gelistet ist, gab bekannt, dass die Kryptowährung nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fiele. Zwar können die Gläubiger versuchen, die Plattform auf die missbräuchliche Verwendung ihrer Mittel zu verklagen, mutmaßt der New Yorker Anwalt Jef Klazen von der Gesellschaft Kobre und Kim. Doch ob die Klage erfolgreich ist, hänge letztlich davon ab, unter welchen Geschäftsbedingungen die Konten bei Bitfinex eröffnet wurden. Und diese müssten nicht zwangsläufig zugunsten der geschröpften Gläubiger ausgelegt werden. Unterdessen hat – neben dem Börsenbetreiber auch eine andere Gruppe großes Interesse an der Bitfinex-Rettung: die Bitcoin-Händler.

So wie Zhuo Shuoji. Der 34-Jähre hat auf die Kursschwankungen zwischen dem Dollar und der Bitcoin gesetzt und – ähnlich wie auch Jia – gut daran verdient. Nun steht er vor einem 700.000 Dollar schweren Verlust. „Das Wichtigste ist jetzt, das eingesetzte Kapital wieder zu bekommen“, so der Händler. „Und dann müssen wir zusehen, dass die Bitfinex-Gutscheine sich später in werthaltige Aktien umwandeln lassen.”

Wie es mit Bitfinex weitergeht, wird auch davon abhängen, ob Händler wie Shuoji und Gläubiger wie Jia wieder Vertrauen ins System fassen und an die Börse zurückkehren. Die Chancen stehen gut. „Die Börse hat den Hack viel besser gehandhabt als in vergleichbaren Fällen in der Vergangenheit“, sagt er und spielt dabei auf die Mt. Gox-Pleite an. „Der Bitfinex-Fall könnte wegweisend für die Zukunft sein.”

Agentur
Bloomberg 
Bloomberg / Nachrichtenagentur
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