Blitzabsturz an der Börse
Maschinen an der Macht

Die automatische Analyse von Nachrichten ist ein Millionen-Geschäft. Denn auch bei der Interpretation von Meldungen entscheiden an der Börse Nanosekunden. Eine Falschmeldung zeigt, welche Nebenwirkungen das haben kann.
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DüsseldorfSchneller an Informationen zu kommen, das hat schon immer Menschen reich gemacht. Die Nachrichtenagentur Reuters schickte im 19. Jahrhundert Brieftauben los, um Händler schneller über Entwicklungen an den Börsen zu informieren. Ein Wissensvorsprung ist an den Märkten so viel wert, dass selbst Strafe nicht abschreckt: Immer wieder fliegen Fälle von Insiderhandel auf, in denen exklusive Infos an einen erlesenen Kreis weitergereicht wurden.

Doch auch in der legalen Welt wird um den Informationsvorsprung gerungen. Heute entscheiden dabei aber nicht mehr – wie bei den Brieftauben – Tage oder Stunden. Es sind mittlerweile Nanosekunden, in denen Computer Schlagzeilen von Finanzdiensten und Internetseiten auswerten und in Handelssysteme einspeisen. Kaum ein Börsenbetreiber lässt sich das Millionengeschäft mit den „maschinengelesenen Nachrichten“ entgehen, auch Start-ups mischen mit.

Welche Nebenwirkungen die lesenden Roboter haben können, zeigte sich am Dienstagabend. Über das Twitter-Nutzerkonto der US-Nachrichtenagentur AP verbreitete sich eine Meldung über zwei angebliche Explosionen im Weißen Haus, bei denen Präsident Barack Obama verletzt worden sei. Der Account war gehackt worden, die Meldung falsch. Dennoch reagierten die Märkte – getrieben durch die lesenden Roboter in den Rechenzentren der Börsen und großen Handelsfirmen. „Die automatisierte Interpretation von Nachrichten war ganz klar Schuld an diesem Crash“, sagt Bram Stalknecht zu Handelsblatt Online. Seine Firma SemLab bietet solche Analysen zwar an, sei aber nicht der Verursacher des Flash Crashs.

Der Dow Jones hatte innerhalb kürzester Zeit fast 100 Punkte verloren. Um 19.09 Uhr notiert der Index bei 14.661 Zählern, um 19.10 fiel er auf 14.567. Nur wenige Momente später war der Spuk wieder vorbei und der Kurs erreichte das alte Niveau. Dies zeige, wie verwundbar die Märkte für verstreute, zufällige Informationsschnipsel seien, kommentierte etwa der Aktienhändler Sal Arnuk, ein hartnäckiger Kritiker der Beschleunigung des Börsenhandels.

Die vermeintliche Explosion im Weißen Haus ist der jüngste Fall einer Kette sogenannter Flash Crashs, also blitzartiger Kursverfälle. Im September 2008 brach die Aktie der US-Fluggesellschaft United Airlines in wenigen Minuten von 12 auf 3 Dollar. Eine kalifornische Investmentfirma hatte versehentlich eine Jahre alte Meldung über einen Bankrott der Fluggesellschaft für aktuell gehalten und in einem Börsenbrief verbreitet, der sich automatisch in das System der Finanzagentur Bloomberg einspeiste. Die dort einlaufenden Meldungen werden in vielen Fällen von Computern automatisch gedeutet. Konkurs und United Airlines in einem Satz: Das heißt nichts Gutes. Also, verkaufen!

Viele ähnliche Fälle hat es in den vergangenen Monaten und Jahren gegeben. Der bislang wohl größte Fall war der Absturz im Mai 2010. Dow Jones und S&P 500 brachen binnen Minuten um mehrere Prozent ein. Der Dow Jones rutschte um 1000 Punkte ab. In nur zehn Minuten wurden in den USA 1,3 Milliarden Aktien gehandelt – das entspricht dem Sechsfachen des Durchschnitts. Ein Großteil der Geschäfte wurde später rückabgewickelt.

„Die Folgen dürften sich dieses Mal aber in Grenzen halten. Letztlich ist der Aktienmarkt nur minimal eingebrochen und der Schlusskurs lag sogar über dem Vortagesniveau“, erläutert Christian Gritzka von der Vermögensverwaltung Knapp Voith. Dennoch offenbare sich ein grundsätzliches Problem. Die elektronischen Handelssysteme seien mittlerweile so ausgeklügelt, dass kein Mensch mehr die Bedeutung der Meldung kontrolliert. Die Schlussfolgerung von Gritzka: „Solche 'Flash Crashs' wird es in Zukunft häufiger geben.“

In die gleiche Richtung argumentiert Rick Fier, Chef des Aktienhandels beim Broker Conifer Securities aus New York. „Kein Mensch glaubte die Geschichte“, sagt Fier der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Nur Computer reagieren, wenn eine so gravierende Nachricht über so einen Kanal verbreitet wird.“ In solchen Fällen sieht Fier einen klaren Überlegenen: „Da gewinnen die Menschen.“

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  • Und wo ist da jetzt der Mehrwert? Wenn es den normalen Anleger keinen Vor- oder Nachteil bringt???

  • @Holzauge
    Ja? Wo hat denn jemals ein Kleinaktionär durch AlgoTrading einen Verlust erlitten? Wenn ja, wie hoch war er denn, der Verlust? Das sind doch realitätsferne -es könnte sein - Überlegungen. Also, es bleibt dabei: das Handeln am Fischmarkt ist für den Käufer des Fischs an der Ladentheke ziemlich egal. Wenn der Fisch stinkt doer zu teuer ist, kauft er eben nicht.

  • Nicht vergessen: Auch der Wert der Aktien des "kleinen Mannes" sind unter Umständen von solchen flash crashs betroffen, nicht nur die der "Zocker"

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