Börsenaufsicht stoppt Strom von Neuemissionen am Aktienmarkt
Chinas Börsen erleiden Rückschlag im Reformprozess

Rudi Völler könnte kaum wüster schimpfen als so mancher chinesische Broker in diesen Tagen. Die Branche hat zuletzt über 300 Mill. Dollar Verlust ausgewiesen. Grund: Die Aktienkurse sind seit ihrem Hoch Mitte 2001 um 35 % gefallen. Zudem schneiden die Börsenneulinge der jüngsten Zeit so miserabel ab, dass eine Massenflucht aus den jungen Papieren eingesetzt hat.

PEKING. Nun muss die Börsenaufsicht – China Securities Regulatory Commission (CSRC) – auf die IPO- Bremse treten, um den Markt nicht komplett in den Abgrund zu stoßen. Das könnte der Finanzierung des Reformprozesses in China erhebliche Schwierigkeiten bereiten. Allein in den vergangen zwei Jahren, so berichtet China Daily, ging der Anteil der beiden Börsen in Schanghai und Shenzhen an der Gesamtfinanzierung von Chinas gelisteten Firmen von 15 % auf 4,2 % zurück. Zudem bleiben auch die Banken schwach.

Das hat eine ungewöhnlich scharfe Debatte darüber ausgelöst, ob die 13 Jahre alten Börsen im Reich der Mitte an den Rand gedrängt wurden, anstatt eine größere Last bei der Finanzierung der Wirtschaftsreformen zu übernehmen. Mehr noch: In den beiden vergangenen Jahren haben Chinas Anleger dank der Kursverluste 145 Mrd. Dollar verloren, ein Fünftel der ursprünglichen Kapitalisierung. Jetzt bestimmt Wut und Enttäuschung das Bild, weil die Börsengänge der vergangenen Monate verheerende Gewinnentwicklungen zeigen und sich immer mehr zeigt, dass Broker und Börsenaufsicht offenbar häufig weggesehen haben, als Börsenprospekte für die Parkett-Debüts vorgelegt wurden.

Die 41 Firmen, die seit Januar neu an die China-Börsen gingen – so rechnen staatliche Zeitungen vor –, weisen in diesem Jahr einen durchschnittlichen Gewinnverlust von 97 % aus. Scharfe Worte sind zu hören. „Die simulierten Bilanzen reflektieren kaum die Gewinnsituation der Firmen und ihre Zahlen brechen oft nach dem Börsengang einfach ein, was das Vertrauen der Börsianer in den Markt zerstört“, schreibt eine angesehene Finanzzeitung. „Die Regierung sollte sich hüten, die alten Börsenprobleme dadurch zu verschärfen, dass die Finanzierung der Börsengänge bastardisiert wird“.

Dabei zeigt sich, dass die Börsenaufseher zwar hart mit der alten Kasino-Mentalität an Chinas Börsen aufzuräumen gewillt sind, aber immer wieder bei schwerwiegenden Nachlässigkeiten erwischt und nun zunehmend abgewatscht werden. Kaum eine Diskussion im China dieser Tage wird so offen und scharf geführt wie diese. Anfang September beispielsweise wurde der viel beachtete Börsengang der „Hangzhou Futong Showa Optical Communications“, einem chinesisch- japanischen Joint Venture plötzlich verschoben. Die Firma wollte 40 Mill. A-Aktien an der Börse von Schanghai in Umlauf bringen. Doch als der Börsenprospekt öffentlich wurde, brach ein Proteststurm los, wie ihn Börsenchina selten gesehen hat.

Der Börsenaufsicht war trotz der weithin bekannten Sensibilität der Chinesen gegenüber japanischen Gräueltaten während des Zweiten Weltkriegs entgangen, dass der Name Showa für den Weltkrieg-II- Kaiser Hirohito steht. Unter ihm hatten die kaiserlich-japanischen Truppen während der blutigen Invasion in China Millionen von Chinesen ermordet. Als die Börsenaufsicht mit tausenden wütender Emails und Anrufe überschwemmt wurde, erklärte der Börsenaspirant, er sei für den Börsengang nicht ausreichend vorbereitet gewesen. „Warum hat die Firma dann ein Börsenprospekt herausgegeben?“, fragen wütende Anleger.

Seitdem ist die CSRC Zielscheibe heftiger Kritik. „Die Börsenaufseher werben immerzu mit dem Schutz der Anleger“, braust eine Wirtschaftszeitung, „aber sie ignorieren weiterhin, dass man den Investoren eine Anlage schmackhaft machen muss“. Die vergangenen 40 Tage waren an den Chinabörsen ein wahrer Stresstest. Rund 1,6 Mrd. neue Aktien mussten von dem kleinen Markt verdaut werden. So nervös waren die Börsenaufseher wegen der schwachen Marktlage in der vergangenen Woche, dass sie den Börsengang der Yangtze Electric Power Corp., dem Betreiber des umstrittenen 3-Schluchten-Damms, bis Oktober verschoben. Es wäre der viertgrößte Börsengang in der Geschichte Chinas in Yuan-notierten Aktien gewesen, nach Sinopec, China Unicom und der China Merchants Bank.

Am Ende vergangener Woche erreichten die Indizes der beiden Börsen ein Acht-Monats-Tief. Jetzt liegen die Nerven der Anleger in China dermaßen blank, dass die Börsenaufsicht das Volumen neuer Börsengänge begrenzen will. Doch es wird mehr verlangt, als diese neue Kosmetik. Die CSRC solle schärfer gegen Missetäter und enttäuschende Firmen vorgehen. „Trotz der schlechten Effizienz der Börsen sind nur 1 % der gelisteten Firmen vom Kurszettel genommen worden“, wird die magere Bilanz der Aufseher auf den Punkt gebracht. Chinas neueste Aktionäre wissen, wovon die Rede ist: Die jüngsten 41 Börsenfirmen weisen im Schnitt nur 2 % von den Gewinnen je Aktie aus, die der Gesamtmarkt vorweisen kann. Im Klartext: Chinas Börsianer sind in jüngster Zeit einer Menge Schrott aufgesessen. Doch auch den Brokerhäusern werden dabei die Leviten gelesen. „Sie säten die Samen für ihre eigenen Probleme indem sie verantwortungslos unqualifizierte Firmen für Börsengänge empfahlen“, schreibt die offizielle China Daily. Wahrlich keine Empfehlung, am rasanten Aufstieg Chinas durch Aktienkäufe teilnehmen zu wollen.

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