Börsenpsychologie
Die Stunde des jüngsten Gerüchts

Zuerst regierte Vorsicht, dann Angst - und jetzt? An die Stelle von Tatsachen treten Übertreibungen. Die Börse handelt nicht mehr mit Fakten, ja nicht einmal mit Erwartungen, sondern nur noch nach dem jüngsten Gerücht.
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DüsseldorfDie wohl berühmteste Tragödie, „Romeo und Julia“, wäre ohne ein böses Gerücht wahrscheinlich glücklich ausgegangen. Um der Tyrannei der Eltern zu entkommen, nimmt Julia einen starken Schlaftrunk, der sie wie tot erscheinen lässt. Sie wird in der Familiengruft bestattet, wo Romeo sie befreien soll. Doch stattdessen wacht sie neben dem toten Liebhaber wieder auf. Denn anstatt der Nachricht zum Fluchtplan erreichte ihn das Gerücht, Julia sei tot. Vor Gram tötet er sich selbst. Als sie erwacht, tut Julia es ihm gleich. 

Ein Gerücht, zwei Tote. Auch hinter dem, was der Société Générale gestern passierte, steckt eine gewisse Tragik: Obwohl die französische Großbank – wie gemunkelt wurde – gar nicht vor dem Ruin steht, kostete sie das Gerücht zwischenzeitlich über zwanzig Prozent ihres Börsenwertes. Und es geht noch weiter: Heute tauchen ähnliche Gerüchte über die BNP Paribas auf, ihr Kurs bricht ebenfalls ein. Dann hieß es in Finanzkreisen, der steile Kursverfall habe eine asiatische Bank dazu veranlasst, ihre Kreditlinien für französische Institute zu kappen, fünf andere erwögen einen ähnlichen Schritt. „Wir haben sie gekappt. Wir haben die Limits aus dem System gelöscht. Jetzt müssen sie fallweise um Genehmigung nachfragen“, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen Risikomanager. Ob da etwas dran ist, weiß keiner; nicht einmal um welche asiatische Bank es sich handelt. Aber danach fragt in diesen Stunden keiner mehr.

Nach der mittlerweile elftägigen Verlustserie an den Börsen sind die Anleger so verschreckt, dass sie sich lieber auf Gerüchte als Fakten verlassen – und machen alles damit noch viel schlimmer. „Wir haben überhaupt keine Zeit mehr, nachzudenken - geschweige denn selbst zu recherchieren“, sagt ein Frankfurter Händler. An jedem anderen Tag hätte ein rationaler Händler das Gerücht erst überprüft. Doch gestern hätte er nach solcher Sorgfalt auf der Kurstafel längst eine scharfe Abwärtskurve gesehen. Es ist ein Teufelskreis: Wer nachdenkt, verliert.

An den Märkten herrscht gerade eine eigenartige Stimmung. In den vergangenen elf Tagen hat der Dax über 20 Prozent an Wert verloren. Und kaum ein anderer Markt ist von diesem Kollaps ausgenommen. In den Indizes in Asien und den USA sieht es genauso trüb aus. An jeder Ecke wittern Anleger jetzt neue Gefahren für die Märkte, selbst Unwahrheiten können einen Ausverkauf anstoßen. Doch die Gegenbewegung funktioniert nicht mehr. Wenn Großkonzerne wie VW, Unicredit, Lloyds und Allianz hervorragende Bilanzen vorlegen, geht es an der Börse trotzdem abwärts, bestenfalls ignoriert sie das Ereignis.

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Kommentare zu " Börsenpsychologie: Die Stunde des jüngsten Gerüchts"

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  • Das Ganze ist wie diese Kommentare hier ein einziges Affentheater!!!


  • Es ist ziemlich sinnlos mit jemanden sachlich über diese komplexe Thematik zu diskutieren, der schon aus einem DERIVAT ein DERIVATiv macht (noch nie gehört!!!).

    Aber sei es drum.

    Sie haben Recht, ich habe mir Ihre Texte nicht komplett durchgelesen (ich hab schließlich was Besseres zu tun, als mir stundenlang irgendwelche Threads komplett durchzulesen). Aber wenn Sie das mit den CDS und der US-Subprime-Krise so geschrieben haben, dann betrachten Sie mein vorletzten Post einfach als obsolet.

  • Danke, aber mir ist dieser Unterschied sehr wohl bekannt.

    Ihnen scheint aber der Ursprung der US-Subprime-Krise bis heute im verborgenen geblieben zu sein.

    Denn CDS haben damit nichts, aber auch rein gar nichts zu tun gehabt. Die Hauptgründe der US-Subprime-Krise sind fast ausschließlich bei den CDOs und CLOs zu suchen.
    CDS sind erstmals einer breiten Öffentlichkeit während der US-Aggression gegen Griechenland so richtig bekannt und populär geworden.

    Für die kleine Lektion, oder nennen Sie es auch Aufklärung, die ich Ihnen hiermit gegeben habe, verzichte ich auch großzügig auf mein Honorar.

    Betrachten Sie es einfach als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk...

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