Börsenpsychologie
Verliebe Dich nie in eine Aktie!

Große Gefühle haben an der Börse nichts zu suchen. Trotzdem ist es ein weit verbreitetes Phänomen, dass Aktionäre sich in ihre Papiere geradezu verlieben. Ein Plädoyer für Untreue und Polygamie.
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DüsseldorfLiebe macht blind, heißt es im Volksmund. „Im Überschwang der Gefühle übersieht man Fehler und Schwächen des anderen oder man sieht darüber hinweg oder beschönigt sie. Das Gleiche geschieht, wenn man sich in eine Aktie verliebt“, sagt der Münchener Vermögensverwalter Gottfried Heller. „Doch romantische Liebe ist flüchtig und danach folgt meist die Ernüchterung und oft der Katzenjammer.“ Und das kann an der Börse leider ziemlich teuer werden. Vor allem, weil Verliebte sich natürlich stark auf das Objekt ihrer Begierde konzentrieren, will meinen: Ihre Lieblingsaktie hat schnell einen zu großen Anteil im Depot. „An der Börse gilt Monogamie nicht als guter Leitfaden“, sagt Christoph Bruns, Fondsmanager und Mitinhaber der Fondsgesellschaft Loys. „Weil Streuung das zentrale Prinzip der Kapitalanlage ist, sollte dort ein Harem-Ansatz verfolgt werden.“

Trotzdem lassen sich Investoren immer wieder von sozusagen monogamen Emotionen leiten. Ein Beispiel: Das Auto ist bekanntlich des Deutschen liebstes Kind. Und weil wir eine Vorliebe für PS und Design haben, finden sich auch die deutschen Autowerte in vielen Aktiendepots. Häufig sind sie sogar übergewichtet, zu stark übergewichtet. Denn viele Anleger konzentrieren sich bei ihrer Aktienanlage auf einige wenige Branchen, manchmal sogar eine einzige. Sie scheinen verliebt zu sein, sehen rechts und links nichts anderes mehr als ihre geliebte Aktie. Das ist ein Fehler. „Emotionen haben an der Börse nichts zu suchen“, sagt Claude Hellers, Leiter Vertriebspartnergeschäft von Fidelity Worldwide Investment in Deutschland. „Das Geheimnis erfolgreichen Investierens ist, sich niemals in eine Aktie zu verlieben.“

Experten verwundert die Verliebtheit vieler Börsianer kaum. Aus psychologischer Sicht lässt sich diese Verzerrung hin zu einer Branche – im Börsendeutsch „Sector Bias“ genannt –  leicht erklären. Informationen einiger Branchen sind präsenter, leichter verfügbar und einfacher zu interpretieren als Informationen anderer. Ein Chemiker oder Biologe wird andere Branchen bevorzugen als ein Telekommunikationsfachmann. Verfügbarkeitsheuristik nennen Psychologen das.

Und natürlich spielen auch unsere Hobbies und Vorlieben eine Rolle. Modefans bilden sich ein, sich mit Aktien von Modeherstellern besonders gut auszukennen. Und Autofreaks sind überzeugt, dass sie die Geschäftsmodelle von BMW, Daimler oder Porsche bestens durchschauen.

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