Börsenpsychologie
Vorsicht Gier!

1,4 Milliarden Euro deutscher Anlegen sind derzeit bei Prokon in Gefahr. Wurde den Investoren ihre Sucht nach Rendite zum Verhängnis? Wann sind sie zu gierig, wann nicht gierig genug? Wie viel Rendite-Hunger ist gut?
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DüsseldorfWenn sogenannte Börsenbriefe Kursgewinne von hundert und mehr Prozent versprechen, greifen manche Anleger beherzt zu. Was für eine Chance! Da muss man dabei sein. Oft reichen sogar schon Renditeaussichten von sechs oder acht Prozent, damit der gesunde Menschenverstand aussetzt.

Wie sonst ist zu erklären, dass Anleger ihr sauer verdientes Geld in nachrangige Genussrechte des Windparkbetreibers Prokon investierten. Aktuelle Geschäftsberichte? Fehlanzeige. Solides Geschäftsmodell? Wohl kaum. Und die Finanzierung? Brach zusammen, als zu viele Anleger ihre Genussrechte kündigten. Diejenigen, die noch investiert sind, haben nun das Nachsehen. Prokon hat Insolvenz angemeldet – Ausgang ungewiss. Auch für die Anleger.

Der Fall Prokon ist nur einer von vielen. Immer wieder tappen Anleger in dieselbe Falle. Sie verfallen der Gier. „Die Verlockung ist groß, das Motto ‚Gier schlägt Hirn‘ schlägt zu“, sagt Patrick Hussy vom Analysehaus Sentix.  Der Experte für Börsenpsychologie ergänzt: „Es fehlt häufig an finanzieller Bildung des Einzelnen und damit fehlt häufig auch das Grundverständnis für die Einflussfaktoren.“

In Zeiten, in denen Zinsen praktisch abgeschafft sind, muss es einen Grund, ja sogar einen Haken geben, wenn manche Unternehmen deutlich höhere Zinsen zahlen als andere. Doch von diesem Haken wollen gierige Anleger nichts wissen. Für sie zählt einzig die Rendite, und die soll möglichst hoch sein.

Das erklärt wohl auch, warum Privatanleger in Mittelstandsanleihen mit bis zu zweistelligen Kupons investieren, ohne zu hinterfragen, warum die Firmen derart hohe Zinsen zahlen. Ein optisch hoher Zins sorgt traditionell für eine hohe Aufmerksamkeit, gerade in Zeiten niedrigster Notenbankzinsen. Während Staatsanleihen mit guter Bonität und Unternehmensbonds solider Firmen nur noch Minirenditen bringen, locken die Mittelstandsanleihen mit saftigen Zinszahlungen.

Bei den seit 2010 begebenen 150 Papieren reicht das Spektrum von 4,0 bis immerhin 11,25 Prozent. Über alle Mittelstandsanleihen ergibt sich laut Ratingagentur Scope eine durchschnittliche Kuponhöhe von 7,2 Prozent.

Aus reiner Nächstenliebe zahlen die Mittelständler diese Kupons wohl kaum. Dass bei einigen Emittenten einiges im Argen lag, wurde den Anleihekäufern im vergangenen Jahr schmerzhaft bewusst: Insgesamt zehn Anleihen mit einem platzierten Volumen von 380 Millionen Euro sind nach Angaben der Ratingagentur Scope im Jahr 2013 ausgefallen.  

Und wieder sind es die Kleinanleger, die es trifft. „Es sind aber nicht immer die Selben, die die gleichen Fehler machen“, sagt Niels Nauhauser,  Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Die Anleger lernen dazu und verbrennen sich in der Regel nur ein Mal die Finger.“

Kommentare zu " Börsenpsychologie: Vorsicht Gier!"

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  • Hinterher wussten viele es einfach vorher schon besser. Natürlich kann man hinterher von Gier sprechen, aber stimmt das auch? Müsste man dann nicht im gleichen Atemzug von Dummheit sprechen, wenn Leute Geld festverzinslich für einen Zinssatz anlegen der unterhalb der aktuellen Inflationsrate liegt, diese Leute ihren Minizins sogar noch versteuern müssen und somit gleich doppelt verlieren. Über viele Jahre hat Prokon zumindest regelmäßig bezahlt. Wenn 6+2 statt nur 6 % ausbezahlt wurden, so kann man das wahrscheinlich sogar gut mit der Auszahlung stiller Reserven begründen. Ich denke, hier schreien viele Journalisten und Kommentatoren eine Firma weiter runter, die sicher einige Fehler gemacht hat. Man sollte allerdings bedenken, dass noch nicht einmal sicher ist, ob die Firma in Insolvenz gehen wird. Viele Windparks laufen zumindest planmäßig und liefern Erträge. Also nur nicht zu schadenfroh werden, vielleicht zahlt sich ja der Wagemut der Investoren zum Schluss noch aus (währe doch schön, obwohl ich selbst nicht investiert bin). Eine 8 % Rendite sind übrigens in einigen Standorten durchaus möglich. Die Unsitte bei solchen Anlageformen gleich zu schreiben als ob man ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit versucht ist übrigens echt übel. Dr. Heckibaby

  • Diese Betrügereien wie bei Prokon laufen in Deutschland schon seit 25 Jahren. Der Gesetzgeber u. die Verbraucherschutzminister schauen nur zu, weil der Staat daran mitverdient. Selbst die Gerichte verurteilen die Anleger noch, Gewinn unabhängige Ausschüttungen an die Fondsinitiatoren zurück zu zahlen(damit der Anlegerverlust noch größer wird). Siehe Amtsgericht Dortmund, bei Anlagen von Dr. Peters(Schiffonds). Die Schrottfonds werden auch noch von Landesbanken finanziert(HSH Nordbank), bei Insolvenzen der Fonds haftet dann der Steuerzahler. Schneeballsystem Deutschland erfunden von unseren 4 etablierten Parteien.

  • Warum haben Sie Ihre Erkenntnisse nicht zum Schutz von gutgläubigen Zeitgenossen vor 2 Jahren veröffentlicht?
    Wollten Sie diese sehenden Auges in ihr Verderben schicken oder hatten Sie bis vor kurzem auch keine Ahnung?
    Trotz jeder Menge Hochglanzprospekte mit vielen schönen Worten habe ich einem Engagement widerstanden.

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